Kohlekraft
Waschgang für CO2

In der Klimadebatte haben Kohlekraftwerke bislang schlechte Karten. Denn die Anlagen gelten wegen ihres hohen CO2-Ausstoß als wahre Klimakiller. Jetzt wollen Energiekonzerne die Kraftwerke mit dem Schmuddelimage unter Zuhilfenahme technischer Tricks zukunftsfähig machen.
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DÜSSELDORF. RWE-Chef Jürgen Großmann bezeichnet sie als seine kleinsten Mitarbeiter. Sie sind sicher auch die ungewöhnlichsten. In Niederaußem bei Köln arbeiten Mikroalgen im Auftrag des Energiekonzerns daran, den Energieträger Kohle von seinem Schmuddelimage zu befreien. In einer Algenzuchtanlage erforscht RWE, wie das im benachbarten Braunkohlekraftwerk entstehende Treibhausgas Kohlendioxid durch Algen aus dem Rauchgas abgetrennt werden kann. Im kleinen Maßstab funktioniert das auch, die Algen wachsen und gedeihen. Aber ob das irgendwann auch großtechnisch funktioniert?

Die Klimadebatte stellt vor allem RWE vor große Probleme. Das Unternehmen ist Europas größter Emittent von Kohlendioxid. Pro Jahr scheiden seine Kraftwerke 140 Millionen Tonnen aus. RWE hat schließlich besonders viele Kohleanlagen im Portfolio. Das belastet die Bilanz. Jahr für Jahr muss das Unternehmen Hunderte Millionen Euro für Emissionszertifikate ausgeben. Es investiert zwar auch in die CO2-freie Stromproduktion, baut etwa Windparks und Solarkraftwerke und will in Großbritannien neue Kernkraftwerke errichten. RWE-Chef Großmann will aber auch weiter Kohlekraftwerke betreiben. Zum einen soll so der Energiemix des Konzerns breit differenziert bleiben. Zum anderen baut RWE selbst Braunkohle im Tagebau ab.

In Niederaußem steht deshalb direkt ein ganzes „Innovationszentrum Kohle“. Der Konzern forscht hier an Möglichkeiten, die Effizienz der Kohlekraftwerke zu erhöhen. Nach derzeitigem Stand der Technik können in Braunkohlekraftwerken 43 Prozent der eingesetzten Energie in Strom umgewandelt werden, bei Steinkohleanlagen sind es 46 Prozent. Über 50 Prozent sollen es werden, etwa durch höhere Temperatur und mehr Druck. Beispielsweise kann die Energieausbeute erhöht werden, wenn Braunkohle vor der Verfeuerung vorgetrocknet wird.

Seit wenigen Wochen steht am Kraftwerk Niederaußem aber auch eine Pilotanlage, mit der aus dem Rauchgas CO2 mit chemischen Bindemitteln ausgewaschen werden kann. Die Vision der Energiebranche heißt kohlendioxidfreies Kohlekraftwerk – und an diesem arbeiten auch RWE-Konkurrenten wie Eon und EnBW. Es gibt unterschiedliche Ansätze, CO2 kann vor, während oder nach der Verbrennung isoliert werden. Im Kern geht es aber um die Abscheidung von Kohlendioxid und die anschließende Lagerung.

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