Küstenschutz
Klimawandel: Kampf um jeden Zentimeter

Der Meeresspiegel steigt - aber wie hoch? Deutschlands Deichbauer warten auf konkrete Zahlen aus der Wissenschaft, um möglichen Folgen des Klimawandels rechtzeitig begegnen zu können. Doch die Klimaforscher sind sich nicht einig.
  • 0

HAMBURG. Im Gemeindehaus von Wyk auf Föhr, nachdem eigentlich alles gesagt ist, meldet sich ein Mann zu Wort, der gerade Urlaub auf der Nordseeinsel macht. Ob die Prognose von 20 bis 80 Zentimetern nicht doch zu optimistisch sei? Es gebe doch viel schlimmere Zahlen.

Vorne steht der Klimaforscher Hans von Storch, der mit seinen weißen Haaren und seiner norddeutschen Gemütlichkeit auch einen guten Pastor abgeben würde. Gerade hat er eine Stunde lang über den Klimawandel und den Anstieg des Meeresspiegels geredet. Wegen seines Vortrags hat der Gospelchor seine Probe verschoben, die Lokalpolitiker sind gekommen, viele Touristen. Die Einheimischen haben aufblasbare Sitzkissen mitgebracht. War seine Prognose zu optimistisch?

"Das kommt darauf an, was Sie lesen", sagt von Storch und hält ein Kurzreferat über das Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Journalismus. "Sie lesen ein mediales Konstrukt", sagt er und meint all die Zeitungsartikel über den Klimawandel.

Es ist das Ende eines langen Tages, an dem sich Wyk und die Weltpolitik ganz nahe kommen. Einigung über Klimaziele, steht an diesem Tag in den Zeitungen, in Italien haben die Regierungschefs der G-8-Staaten versprochen, die Treibhausgase zu reduzieren, sodass die globale Erwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit unterhalb von zwei Grad bleibt. 0,8 Grad ist es schon wärmer geworden. Hans von Storch ist auf Wyk geboren, und die Menschen hier sind manchmal sehr direkt. Er sagt: "Zwei Grad ist eine politische, eine sinnlose Zahl. Ich halte das für Verarschung." Das Ziel sei nicht mehr zu erreichen.

Eine Woche lang schippern Hans von Storch und seine Mitarbeiter vom Küstenforschungszentrum GKSS die Westküste von Schleswig-Holstein entlang. Nachmittags zeigen sie den Anwohnern ihr Schiff, abends halten sie Vorträge. Es geht um Küstenschutz und Deichkronen, um den Golfstrom, das Grönlandeis und die Frage, was Klimaforscher wissen und was nicht. Es geht um Zentimeter. Es geht darum, ob Deutschland bald untergeht oder nur nasse Füße bekommt. Wyk liegt null bis zehn Meter über dem mittleren Tidehochwasser. "Wir haben keine Angst vor dem Klimawandel", sagt Bürgermeister Heinz Lorenzen. "Wir passen uns an, indem wir die Deiche erhöhen und an der Südküste Sand aufspülen." Und natürlich will Wyk jetzt auch klimaneutral werden. Wie hoch das Wasser ansteigen wird, wüsste er trotzdem gerne. Ein halber Meter mehr oder weniger ist für das Dorf an der Nordsee ein großer Unterschied.

Die Vermittlung der Ergebnisse der Klimaforschung hat hierzulande Hochkonjunktur. Forscher wie von Storch ziehen von Ort zu Ort, in Bremen eröffnet an diesem Donnerstag eine eigene Ausstellung über die Auswirkungen des Klimawandels und den Anstieg des Meeresspiegels. Bezeichnender Titel: Muss Bremen umziehen?

Unter den deutschen Klimaforschern werden drei zum Meeresspiegelanstieg besonders oft befragt: Hans von Storch, Stefan Rahmstorf vom Potsdam für Klimafolgenforschung-Institut und Jochem Marotzke vom Max Planck-Institut für Meteorologie - in Hamburg. Sie haben an den Berichten des Weltklimarats IPCC mitgeschrieben, von Storch und Rahmstorf waren Mitglieder der Deltakommission, die den Meeresspiegelanstieg für die niederländische Küste abschätzen sollte, Jochem Marotzke wird Ende August bei der World Climate Conference in Genf auftreten. Die drei sind nicht auf einer Wellenlänge, wie man so sagt. Ihre Positionen zum Anstieg des Meeresspiegels kann man grob so zusammenfassen: Für Rahmstorf ist alles doppelt so schlimm, für Hans von Storch halb so schlimm, für Marotzke "so schlimm". Das macht die Angelegenheit etwas verwirrend.

Seite 1:

Klimawandel: Kampf um jeden Zentimeter

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Küstenschutz: Klimawandel: Kampf um jeden Zentimeter"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%