Kyoto-Prozess
Klima-Muffel in der Mitte

Seit Jahren bläuen Wahl- und Marktforscher es uns ein: Die bürgerliche Mitte wählt, kauft und isst meist Bio. Das machte es der Regierung leichter, als Avantgarde in den Kampf gegen Treibhausgase zu ziehen. Wenn die Rettung des Klimas sich noch gut verkaufte – umso besser. Was aber, wenn der umworbenen Mitte der Klimaschutz eigentlich schnuppe ist?

BERLIN. Wenige Tage vor der Kyoto-Nachfolgekonferenz auf Bali belegt genau das eine Emnid-Umfrage im Auftrag der Arag-Versicherung. Demnach will nur ein Viertel der Bundesbürger, die man zur Mitte zählt, dass Deutschland international Druck für mehr Klimaschutz macht. Selber etwas dafür tun wollen gar nur 23 Prozent, und weniger als ein Drittel der Befragten ist für nationale Maßnahmen. Das lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Was den Schutz vor Gletscherschmelze und Wüstenbildung angeht, sitzen die Muffel in der Mitte der Gesellschaft.

Zwar gibt es in dieser Frage einen deutschen Nord-Süd-Konflikt, der aber verläuft anders als erwartet. Eher umweltbewusst ist nicht der wohlhabende Süden, sondern der ärmere und von Arbeitslosigkeit gebeutelte Norden. Dort wollen fast doppelt so viele Bürger etwas gegen die Erderwärmung tun.

Ist alles eine Geschlechterfrage? Männer gelten bekanntlich als testosterongesteuerte und technikverliebte Wesen, die über die Autobahn brettern und dabei leise „nach uns die Sintflut“ singen. Doch die vermeintlich sensibleren Frauen werden es auch nicht richten: Der Anteil der klimaschützenden Frauen ist wie bei den Männern so niedrig wie ein 911er.

Wie lässt sich das erklären? Wer nicht glaubt, dass man alle Umfragen in den Schornstein schmieren kann, dem bietet Emnid eine Interpretationshilfe: Die Mitte sei desillusioniert und habe sich daran gewöhnt, dass Steuer- und Abgabenerhöhung gemeint sei, wenn Umweltschutz versprochen werde. Deshalb misstraue sie auch dem Kampf gegen Erderwärmung.

Ein kleiner Trost bleibt - die Crème der Mitte, die leitenden Angestellten. Von ihnen fordert mehr als die Hälfte nationale Maßnahmen gegen den Treibhauseffekt. Nur: Diese Gruppe ist zu klein, als dass sich mit ihr eine erfolgreiche Wahl– oder Werbekampagne aufziehen ließe.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%