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Irre hell

Ein Solarkraftwerk im verregneten Jülich? Für seine Zukunftsvision wurde Bernhard Hoffschmidt lange Zeit belächelt. Doch der Maschinenbau-Ingenieur hat sich von seinen zahlreichen Kritikern nicht verrückt machen lassen - und wird nun heiß umworben.

JÜLICH. Schon als Student hatte Bernhard Hoffschmidt Großes im Sinn. Kraftwerke wollte er bauen, die Maßstäbe setzen - befeuert jedoch ganz konventionell mit Braunkohle. Erneuerbare Energie? Für den angehenden Maschinenbau-Ingenieur kein Thema. Tatsächlich hat der heute 44-Jährige eine Anlage entwickelt, mit der die Stromerzeugung in neue Dimensionen vorstößt. Geliefert wird die Energie dazu jedoch ganz alternativ von der Sonne.

Er könnte ein neues Wahrzeichen für die rheinische Stadt werden: 60 Meter soll der Turm Ende des Jahres in den Himmel über Jülich ragen. An der Spitze wird das Sonnenlicht mit einem von Bernhard Hoffschmidt konstruierten Receiver gesammelt. 2000 Spiegel, wie Orchestermusiker im Halbkreis um ihren Dirigenten aufgebaut, reflektieren es punktgenau. Eine Fläche, so groß wie drei Fußballfelder, wird dieses umweltfreundliche Kraftwerk auf einer Brachfläche einnehmen.

Ortstermin. Es ist diesig, Regen nieselt - nicht ungewöhnlich für diese Gegend. Doch Hoffschmidt, Geschäftsführer des Solar-Instituts Jülich, hat alle Kräfte mobilisiert, damit seine Pläne genau hier in die Tat umgesetzt werden. "Mich haben viele für verrückt erklärt", gibt der Wissenschaftler ganz unverblümt zu.

Jedoch nicht die Zahl der Sonnenstunden war entscheidend für die Standortwahl, sondern das gebündelte Know-how in der Region. Hier arbeiten führende Forschungseinrichtungen für Sonnenenergie, mit denen Hoffschmidt eng kooperiert - etwa das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln. Der Erfolg des Projekts hat Kritiker längst verstummen lassen. "Heute kommen Politiker und Industrievertreter gleich reihenweise, um die Technologie kennenzulernen."

Ein bisschen Genugtuung ist dabei, wenn Hoffschmidt von den zahlreichen Besuchern berichtet. Sein Großvater arbeitete an der Entwicklung der Magnetschwebebahn Transrapid mit. Und es hat den Enkel gekränkt, dass das Milliardenprojekt nicht in Deutschland, sondern in China im Massenbetrieb lief. Und hierzulande nun ganz von der Bildfläche verschwindet. Nun aber gibt er der deutschen Industrie mit seinem Sonnenturm eine neue Chance. Die Jülicher Anlage soll den Unternehmen der Branche dabei helfen, den Vorsprung in Sachen Solarthermik auszubauen. "Ich will den Transrapid-Effekt unbedingt vermeiden", sagt Hoffschmidt.

Der gebürtige Kölner, spricht viel und schnell, nur leicht schwingt rheinischer Singsang mit. Ein gewinnendes Lächeln und kraftvolle Handbewegungen unterstreichen die Worte. Er ist einer, der überzeugen, mitreißen kann. Und darauf kommt es an, wenn man irrsinnig klingende Visionen in die Tat umsetzen will.

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