Moderne Versorgung
Intelligente Netze steuern den Verbrauch

Erneuerbare Energien haben einen großen Nachteil: Die Menge des gelieferten Stromes schwankt starkt. In staatlich geförderten Modellregionen werden nun Versorgungssysteme erprobt, die Schwankungen bei Wind- und Solarenergie automatisch erkennen und ausgleichen sollen.
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BERLIN. Ein Cuxhavener Projekt sagt der Stromverschwendung den Kampf an: 2 000 Haushalte der Küstenstadt erhalten einen elektronischen Zähler, der den Stromverbrauch in Sekundenintervallen misst. Mit den Daten ermittelt das Konsortium „E-Telligence“ um den Oldenburger Versorger EWE, wo genau im Haushalt wie viel Energie genutzt wird.

Ein gleichmäßiger Verbrauch in der Nacht lässt etwa darauf schließen, dass Elektrogeräte im Stand-by-Modus laufen. Auch Warmwassergeräte, Durchlauferhitzer oder Waschmaschinen sollen die Zähler genau überwachen. „Die Nutzer erkennen so, welche Geräte wie viel Strom verbrauchen“, sagt Wolfram Krause, zuständiger Projektleiter bei EWE.

E-Telligence ist eines von sechs Projekten, die der Bund über die Initiative „E-Energy“ fördert. Dass Cuxhaven zu den Modellregionen gehört, ist kein Zufall. Erneuerbare Energien decken etwa die Hälfte des Strombedarfs der Region. Im Umfeld von Cuxhaven sind Windkraftanlagen mit mehr als 23 Megawatt Leistung installiert. Sie treffen hier auf gute Bedingungen: „Cuxhaven ist einer der besten Wind-Standorte Deutschlands“, sagt Krause. Damit ist die Stadt gut geeignet, um an einem der Kernprobleme der erneuerbaren Energien zu forschen: der hohen Volatilität. Wind und Sonne können zwar einen großen Beitrag zur Stromversorgung liefern – das allerdings nur mit starken Schwankungen.

Ziel des bis 2012 laufenden Projekts ist ein Energiemarktplatz für Erzeuger, Verbraucher und Netzbetreiber. Manche Stromkunden nehmen dabei die Rolle als Energiepuffer ein. So kann der Kühlhausbetreiber Cuxhavener Kühlhaus auf Windflauten reagieren, indem er eine verringerte Kühlung, also eine höhere Temperatur im Gebäude, toleriert. Wenn mehr Windstrom fließt, senkt eine automatische Steuerung die Temperatur über das notwendige Maß hinaus ab, um Reserven für die nächste Flaute aufzubauen.

Auch mit Schwimmbädern will EWE zusammenarbeiten. Sie werden zum thermischen Kurzzeitspeicher, wenn sie eine leichte Veränderung der Wassertemperatur zulassen. Liefert der Wind viel Strom, bleibt ein Blockheizkraftwerk ausgeschaltet. Bei Flaute springt es an, wärmt das Wasser und speist den gleichzeitig produzierten Strom ins Netz.

Ebenfalls zu den E-Energy-Modellregionen gehört Karlsruhe-Stuttgart. Das Projekt „Meregio“ (Minimum Emission Region) soll unter anderem ein Zertifikat über die Wirksamkeit von regionalen Konzepten zur Erhöhung der Energieeffizienz und der Reduzierung der Treibhausgasemissionen entwickeln. Das Team um den Versorger EnBW will dezentrale Stromerzeuger und -verbraucher sowie intelligente Speicher über Datenleitungen miteinander vernetzen.

Rund 1 000 Stromkunden sollen das „Netz der Zukunft“ testen. Sie können einen variablen Stromtarif wählen: Wer die Waschmaschine zu einer verbrauchsarmen Zeit einstellt, wäscht billiger. Kunden, die selbst dezentrale Energieerzeugungsanlagen betreiben – etwa Blockheizkraftwerke oder Brennstoffzellen – können ihren Strom dann einspeisen, wenn er besonders viel Ertrag abwirft. „Wir wollen lernen, wie Verbraucher mit intelligenten Stromzählern umgehen und wie daraus Märkte entstehen können“, sagt Projektleiter Hellmuth Frey. Auch die Versorger profitieren: Wenn Angebot und Nachfrage besser aufeinander abgestimmt sind, können Netze und Kraftwerke effizienter und damit klimafreundlicher arbeiten.

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