Nationalpark Tumucumaque Sisyphos-Arbeit im brasilianischen Regenwald

Der Förster Christoph Jaster ist in Brasilien Herr über eines der größten Regenwald-Schutzgebiete der Welt. In der abgelegenen Region entscheidet sich mit, ob die Umsetzung des Klimaabkommens von Paris gelingt.
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Nationalpark Tumucumaque: Sisyphos-Arbeit im Regenwald Quelle: dpa
Im Boot durch den Regenwald

Unterwegs im Amazonas-Nationalpark Tumucumaque.

(Foto: dpa)

MacapáChristoph Jaster muss Prioritäten setzen. Er ist zuständig für ein Gebiet, das knapp 40.000 Quadratkilometer groß ist – fast so groß wie die Niederlande. In Zeiten, in denen die Waldrodung und die Zahl illegaler Goldminen in den Weiten des brasilianischen Regenwaldes rasant zunehmen, wird die Aufgabe, ein Schutzgebiet wie den Tumucumaque zu schützen, immer mehr zur Sisyphos-Aufgabe.

„Wir sind total unterbesetzt“, sagt Jaster. Eigentlich sind sie sogar nur zu zweit. Das Gebiet, in dem Jagen, Fischen und Abholzen eigentlich verboten ist, lässt sich nach diversen Sparrunden im Land immer schwerer kontrollieren. Weltweit steht die Regierung von Präsident Michel Temer in der Kritik, weil sie Schutzgebiete aufweicht, Wirtschaftsinteressen Vorrang gibt und bei Verstößen wegschaut. Zuletzt kam es wiederholt auch zu Massakern an Ureinwohnern im Amazonasgebiet.

Der Turmbau zu Amazonien
Klimamessturm Atto
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Der Eiffelturm ist 24 Meter kleiner, der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz ist mit 368 Metern nur 43 Meter höher: Am Wochenende ist im Amazonas-Regenwald 150 Kilometer nordöstlich von Manaus der welthöchste Klima-Messturm eröffnet worden.

Höher als der Eiffelturm
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325 Meter hoch reckt sich der rot-weiß-rote Stahlturm gen Himmel. Mit seiner Hilfe wollen Forscher ergründen, welche Bedeutung der Regenwald wirklich für das Weltklima hat.

Ein Messturm für den Klimawandel
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Der Amazonasregenwald gilt als einer der Kipppunkte des globalen Klimasystems. Und genau diese Punkte sollen mit Hilfe der Atto (Amazonian Tall Tower Observatory) genannten Anlage besser erforscht werden.

Daten sammeln im Sekundentakt
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Bestückt ist der Turm mit Sensoren, die im Sekundentakt Daten sammeln über Treibhausgase, Wolkeneigenschaften und den Transport von Luftmassen in dieser für das Weltklima so bedeutsamen Region.

Deutsch-brasilianisches Gemeinschaftsprojekt
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Mit deutscher Hilfe ist der Turm errichtet worden – je zur Hälfte bezahlen die brasilianische und die deutsche Seite 8,4 Millionen Euro für den Bau und die ersten fünf Betriebsjahre. Noch fehlt ein Teil der Technik, spätestens ab 2016 soll Atto aber voll funktionsfähig sein.

Max-Planck-Institute beteiligt
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Beteiligt an dem Projekt sind die Max-Planck-Institute für Chemie (Mainz) und für Biogeochemie (Jena), das brasilianische Bundesinstitut für Amazonasforschung (INPA) und die Universität des Staates Amazonas (UEA).

Hoch hinauf
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Der Turm soll rund 30 Jahre im Einsatz sein. Durch die Höhe – er ist besteigbar und wird atemberaubende Ausblicke über die „Grüne Hölle“ Amazoniens bieten – sollen fernab von menschlichen Einflüssen Messungen in höheren Luftschichten als üblich durchgeführt werden.

Expeditionen in das Gebiet dauern gern mal mehrere Wochen. Derzeit steht ein Bio-Monitoring an, um zu untersuchen, wie sich die Zahl der Säugetiere, bestimmter Schmetterlinge und von Indigenas gejagter Vögel entwickelt hat. Immer wieder müssen die Boote wegen Stromschnellen und Niedrigwasser getragen werden.

In den Weiten des Amazonasgebiets entscheidet sich auch mit, ob die Umsetzung des Klimaabkommens von Paris gelingt. Mit seiner Funktion als Kohlenstoffspeicher ist der Regenwald ein großer Mosaikstein im globalen Klimageschehen.

Doch vielerorts schreitet die Abholzung voran – auch, um den Fleischhunger anderer Länder zu stillen. In großem Stil weichen Waldflächen Soja-Anbauflächen für Tierfutter. Der Unkrautvernichter Glyphosat wird fast nirgendwo so intensiv eingesetzt wie in Brasilien. Rund um die Sojafelder sind kaum noch Vögel zu hören oder Insekten zu sehen.

Im Bundesstaat Amapá, wo Urwaldförster Jaster tätig ist, ist das Problem noch nicht so akut, da die Gegend für den Abtransport edler Tropenhölzer und den Sojaanbau zu abgelegen ist. Zudem gibt es keine großen Häfen in der Nähe. „Aber es ist im Kommen“, sagt er.

Geboren ist Jaster in Cochem an der Mosel, die Familie verschlug es wegen eines Entwicklungshilfe-Jobs des Vaters nach Südbrasilien. In Curitiba studierte Jaster Forstwirtschaft. Er erwarb die brasilianische Staatsbürgerschaft, bestand die Aufnahmeprüfung bei der Umweltbehörde Ibama und kam 2003 hier in das nordbrasilianische Macapá, wo er im Auftrag des Umweltministeriums für den Schutz des Amazonas-Nationalparks Tumucumaque zuständig ist.

Noch sind 90 Prozent der Fläche mit Wald bedeckt

In Zeiten, in denen die Waldrodung und die Zahl illegaler Goldminen in den Weiten des brasilianischen Regenwaldes rasant zunehmen, wird die Aufgabe, ein Schutzgebiet wie den Tumucumaque zu schützen, immer mehr zur Sisyphos-Aufgabe. Quelle: dpa
Sisyphos-Arbeit im Regenwald

In Zeiten, in denen die Waldrodung und die Zahl illegaler Goldminen in den Weiten des brasilianischen Regenwaldes rasant zunehmen, wird die Aufgabe, ein Schutzgebiet wie den Tumucumaque zu schützen, immer mehr zur Sisyphos-Aufgabe.

(Foto: dpa)

Das sehr abgelegene Gebiet war zunächst nicht Jasters erste Wahl. Aber sein Revier ist einzigartig und eines der größten Regenwaldschutzgebiete der Welt. Mittendrin – nach mehreren Tagen Reise – kann man ein altes Kreuz finden, mit Hakenkreuz und der Inschrift: „Joseph Greiner starb hier am 2.1.36 den Fiebertod in Dienste deutscher Forschungsarbeit.“

Der Biologe Otto Schulz-Kampfhenkel hatte entlang des Jary-Flusses im Auftrag des Deutschen Reichs zwischen 1935 und 1937 eine geheimnisumwitterte Expedition geleitet und ein Buch darüber verfasst („Rätsel der Urwaldhölle“). Angeblich sollte im Urwald nach Möglichkeiten für eine Nazi-Invasion im unbewohnten Amazonasgebiet, eine Art Brückenkopf, gesucht werden.

„Die geografischen Angaben der Expedition sind sehr exakt und interessant“, sagt Jaster, 53 Jahre alt. In seinem Büro breitet er eine große Karte aus, ein Geflecht aus vielen Flüssen und nur wenigen Straßen ist zu sehen. Der Tumucumaque erstreckt sich entlang der Grenze Brasiliens mit Französisch-Guayana und der früheren niederländischen Kolonie Suriname, 360 Kilometer breit und 320 Kilometer lang.

Noch sind 90 Prozent der Fläche mit Wald bedeckt – der höchste Anteil in ganz Brasilien. Aber auch im Tumucumaque nehmen die illegalen Tätigkeiten zu. Goldminen werden errichtet. Auch dafür müssen Bäume weichen. Das bei der Förderung eingesetzte Quecksilber vergiftet die Flüsse. Indigenas sprechen bereits vom „Peixe mercurio“, vom „Quecksilber-Fisch“.

Jaster zeigt auf der Karte Lourenço am Rande des Nationalparks, es gilt als das älteste Goldgräberdorf Amazoniens. „Das ist quasi eine Mondlandschaft.“ Dort, wo es illegale Siedlungen gibt, kann man vorbeischauen, aber ändern tut sich nichts. Es fehlt an Strafverfolgungsdruck. Und dann ist da noch die Bürokratie.

Eine Aufgabe von Jaster ist auch, Besuchergruppen zu begleiten. Es ist ein einmaliges Erlebnis in fast noch unberührter Natur. Nur 1000 bis 2000 Leute leben in dem Gebiet. Wo sonst viele den Tourismus kritisch sehen, hätte Jaster gern mehr davon. Die kleinen Flussgemeinden könnten profitieren – und würden dank der Einnahmen womöglich zu Umweltschützern. Sie könnten in der Folge den Druck auf Goldgräber erhöhen, so Jasters Hoffnung.

Wenn es gut läuft, ist der Forstwirtschaftler von einem Monat eine Woche im Wald statt im Büro in Macapá. Trotz Widrigkeiten, Sparzwängen und Rückschlägen sagt er darum: „Eigentlich ist es ein Traumjob“.

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