Niedrigerer CO2-Ausstoß
Teuer erkauft

Um den CO2-Ausstoß von Gebäuden zu senken, schreibt die Politik Wärmedämmung und Solaranlagen vor. Immerhin tragen private Haushalte in Deutschland mehr als ein Zehntel zu den jährlichen CO2-Emissionen bei. Doch nur wenige Maßnahmen rechnen sich.
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Es ist ein großer Tag für Heinz Kron. Über vier Jahre hat der ehemalige Hütteningenieur sein 1964 erbautes dreistöckiges Mehrfamilienhaus im Düsseldorfer Stadtteil Eller aufwendig saniert. Fassade, Dach und Kellerdecke wurden gedämmt, dazu wurde eine sparsame moderne Heizung installiert. Jetzt verbraucht das Haus nach den Berechnungen eines Energieexperten pro Jahr und Quadratmeter Wohnfläche nur noch 5,1 Liter Heizöl. Vorher verfeuerte der Ofen im Keller mit mehr als 28 Litern fast sechsmal so viel. Entsprechend stark sollen die Kohlendioxid (CO2)-Emission sinken- von jährlich fast 60 Tonnen auf deutlich unter zehn. Darauf ist Kron besonders stolz: "Das Klima ist mir wichtig."

Die Wirtschaftsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen, Christa Thoben, und der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, Joachim Erwin, loben den Klimafreund in den höchsten Tönen. "Ich empfehle Ihr Beispiel zur Nachahmung", sagt die Ministerin. "Es sollte mehr Hauseigentümern Appetit machen", fordert der OB. Zum Dank darf Kron sein sonnengelbes Haus an der Freiburger Straße nun mit der Plakette "Energiesparer NRW" schmücken. Von den Einsparungen sprechen die beiden Repräsentanten des Staats gerne - nach den Kosten des Umbaus fragen sie lieber nicht. Fast 200 000 Euro hat Kron in die Sanierung gesteckt, verrät er später. Ohne Eigenleistungen des rüstigen 68-Jährigen wäre der Umbau noch einige Tausend Euro teurer geworden. Aber selbst wenn er von den Mietern als Ausgleich für die geringeren Heizkosten künftig eine etwas höhere Miete kassiert (Kron: "Große Aufschläge sind nicht drin") und trotz zinsverbilligter Darlehen der staatlichen KfW-Bankengruppe: Die Investition mag sich zwar für die Umwelt rechnen, nicht aber für den Hausherrn. Dem Pensionär ist es egal. "Wenn es hilft, das Schlimmste zu verhüten, ist mir das die Sache wert."

So viel Idealismus können und wollen sich die wenigsten Bundesbürger leisten. Nach dem gerade veröffentlichten CO2-Gebäudereport von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee sind nur drei Prozent der Eigentümer und Mieter bereit, in Wärmedämmung, neue Heizungen und Solaranlagen zu investieren oder eine Umlage auf die Miete zu akzeptieren, wenn sich die Amortisation länger als zwölf Jahre hinzieht. Das aber ist zu den heutigen Preisen bei vielen Maßnahmen vor allem an Altbauten der Regelfall. Allein für die Isolierung der Außenwände eines durchschnittlichen freistehenden Einfamilienhauses gehen bis zu 20 000 Euro drauf. Würde sich die Modernisierung innerhalb von fünf Jahren bezahlt machen, stiege die Bereitschaft schlagartig auf 47 Prozent. "Der Klimaschutz wirkt kaum als Motiv", sagt Tiefensee einigermaßen ernüchtert.

In dem Satz spiegelt sich das Dilemma der deutschen Klimapolitik. Private Haushalte tragen zu den jährlichen CO2-Emissionen des Landes von knapp 800 Millionen Tonnen nach Berechnungen des Bundesumweltamtes mit rund 110 Millionen Tonnen etwa 14 Prozent bei. Der mit 54 Prozent größte Teil davon wird beim Heizen freigesetzt. Die Bundesregierung hat versprochen, die deutschen Treibhausgasemissionen bis 2020 gegenüber 1990 um 40 Prozent zu reduzieren. Die CO2-Gebäudesanierung und neue Heizungsanlagen sollen dazu mit 31 Millionen Tonnen einen erklecklichen Beitrag leisten. Aber Hauseigentümer, Bauherren und Wohnungsgesellschaften spielen dabei wegen der allenfalls langfristigen Rentabilität bisher kaum mit. Also sollen sie jetzt per Gesetz zum Handeln gezwungen werden.

Vorgesehen ist, den Energiebedarf neuer und sanierter Gebäude gegenüber den Vorschriften der aktuellen Energieeinsparverordnung von 2009 an, und im Jahr 2012 noch einmal, um 30 Prozent zu reduzieren. Zudem soll die Wärmegewinnung aus Pelletheizungen, Sonnenkollektoren und Erdsonden deutlich erhöht werden. Das alles summiert sich zu Gesamtkosten von 15,2 Milliarden Euro. Tiefensee hält das Geld für gut angelegt. "Die Maßnahmen sparen 50 Milliarden Euro Heizkosten bis 2020." Was der Minister aber unterschlägt: Die Finanzierung belastet die Konten der Hausbesitzer erst einmal kräftig, daran ändern auch flankierende staatliche Billigkredite wenig. Sie müssen viele Jahre warten, bis das investierte Geld zurück in ihre Taschen fließt.

Und es kommt noch schlimmer. Wer die Öko-Quoten beim Heizen in Neubauten "fahrlässig", missachtet, dem drohen künftig Bußgelder von bis zu 50 000 Euro. So sieht es ein Entwurf von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zum geplanten Erneuerbare-Energie-Wärme-Gesetz der Koalition vor. Neue Gebäude, die von 2009 an fertig- gestellt werden, müssen danach den überwiegenden Teil ihres Wärmebedarfs aus Sonne, Holz oder Biomasse decken. In Altbauten soll entgegen Gabriels ursprünglichen Plänen der verstärkte Einsatz von Sonnenenergie oder Holzpellet-Anlagen nun doch nicht Pflicht werden. Um dennoch genügend Hauseigentümer zum Umstieg zu bewegen, stockt die Bundesregierung ihr Marktanreizprogramm im Jahr 2009 um 150 Millionen auf 500 Millionen Euro auf.

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