Ökonomische Wochenschau
Als sich der Wind drehte

Erst wurde sie verspottet, dann erbittert bekämpft, heute gilt sie als wichtiger Bestandteil der Stromversorgung: die Windenergie. Ihr Siegeszug begann Ende August 1987. Und demnächst soll sie auch noch das Meer erobern.

BERLIN. Am Herrn Ministerpräsidenten hat es nicht gelegen, bestimmt nicht. Es ist zwölf Uhr und zwölf Minuten, punktgenau, wie es die Planung vorgesehen hat, als er den Starthebel umlegt. „Ständig kräftigen Wind von vorn“ wünscht er noch, als er vor den versammelten Ehrengästen den „Windenergiepark Westküste“ in der Gemeinde Kaiser-Wilhelm-Koog im Kreis Dithmarschen eröffnet, Deutschlands ersten Windpark.

Und dann tut sich: nichts. Kein Lüftchen. Die 400-Einwohner-Gemeinde Kaiser-Wilhelm-Koog liegt nahe Brunsbüttel an der Elbmündung und ist eine der windreichsten Gemeinden Deutschlands – also ideal für die Erprobung von Windrädern. Eigentlich. Doch an diesem Tag nicht. Also weiht Uwe Barschel, CDU-Mann und Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, einen Windpark ohne Wind ein.

Das Erlebnis ist keines für die Geschichtsbücher, trotzdem ist das Datum ein sehr wichtiges. Mit dem „Windenergiepark Westküste“ begann an jenem windlosen 24. August 1987 der Boom der Windenergie in Deutschland. Zwei Dekaden später gibt es hierzulande 2000 Windparks und Zehntausende einzelner Windräder. Sie erzeugen sieben Prozent des Stroms, den die Deutschen verbrauchen. Und in wenigen Jahren soll sich der Windstromanteil noch einmal kräftig erhöht haben. Der Bundesverband Windenergie (BWE) geht davon aus, dass er sich bis zum Jahr 2020 auf 25 Prozent der Stromproduktion steigern lässt.

Wenn es eine Wiege der deutschen Windbranche gibt, dann steht sie in Kaiser-Wilhelm-Koog. Schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg betrieben dort einige Landwirte Windräder, um ihren Eigenbedarf an Strom zu produzieren. Eine ausrangierte Treckerachse senkrecht gestellt, ein Windrad drauf und einen Generator darunter – fertig. So hatte es schon anno 1888 Charles Brush in Cleveland, Ohio, gemacht, so etwas wie der „Großvater“ aller Windstromer.

Es war nur logisch, dass zu Beginn der 80er-Jahre in Kaiser-Wilhelm-Koog auch „Growian“ den Probebetrieb aufnahm, die – vom Bund hoch subventionierte – „Große Windenergieanlage“. 100 Meter hoch reckt sich der Turm, 100 Meter beträgt die Spannweite des 13 Tonnen schweren Rotors, drei Megawatt die Leistung – theoretisch.

Der Erfolg des Windmonsters jedoch ist mehr als bescheiden. Im Juni 1987, nur Wochen vor der Eröffnung des Windparks Westküste, wird „Growian“ stillgelegt. In vier Jahren hat er es nur auf 420 Betriebsstunden gebracht, ganze 17,5 Tage. Den Rest seiner Lebenszeit ist „Growian“ defekt: Die auftretenden Fliehkräfte sind kaum beherrschbar, die Konstruktion hat Risse.

Die Skeptiker triumphieren. Für sie ist „Growian“ nichts weiter als Größenwahn. „Wir bauen Growian“, spottete damals ein Vorstand des Energiekonzerns RWE, der an dem Projekt beteiligt war, „um zu zeigen, dass es nicht geht.“

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