Ökostrom
Der Vattenfall-Effekt

Nach den Pannen in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel wächst das Interesse an Ökostrom – und an Ökostrom-Wechselpartys. Diese Veranstaltungen organisiert Ulla Gahn aus Leipzig nach einem Prinzip, was bereits bei Plastikbehältern hervorragend funktionierte.

DÜSSELDORF. Es geht ein Riss durch die Beziehung – ein tiefer Riss zwischen Christine Schott und ihrem Freund Markus Rehling. Ein Riss zwischen ihr, die keine faulen Kompromisse machen möchte, und ihm, dem ein bisschen Öko, ein bisschen Klimaschutz reichen würde. „Ich finde deren Konzept nicht überzeugend“, zischelt sie, „sie investieren nicht genug in die Zukunft.“ „Jetzt lies dir die Unterlagen mal in Ruhe durch“, beschwört er – etwas zu laut, so dass die Umstehenden auf den Disput aufmerksam werden, „bevor wir unnötig Geld ausgeben.“ „Es ist doch nicht unnötig, sondern für einen guten Zweck“, sagt sie, wendet sich ab und marschiert Richtung Ausgang. „So hab ich mir unseren Abend nicht vorgestellt“, murmelt er und geht in eine andere Richtung davon.

Grundsätzlich sind sich die Architektin und der Versicherungsmakler einig: Sie wollen etwas für die Umwelt tun. Sie wollen ihren Stromanbieter wechseln, nicht mehr Kernenergie nutzen, sondern grünen Strom aus Wasser, Sonne, Wind und Biomasse. Deshalb sind sie an diesem Freitagabend aus Köln nach Düsseldorf gekommen – in einen Hinterhof im Westen der Stadt. Hier in den Räumen einer Kommunikationsagentur steigt die erste Ökostrom-Wechselparty in Nordrhein-Westfalen, wo Kernenergieriesen wie Eon und RWE ihren Sitz haben.

Die Party funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip, wie es Tupperware mit Plastikdosen und Schüsseln vorgemacht hat: Wer sich für Ökostrom interessiert, kann sich hier bei vier bundesweiten Anbietern über die Details informieren, sich bei einem Experten der Verbraucherzentrale über Haken und Ösen aufklären lassen und an einem Computer mit Preisrechner seine aktuellen Stromkosten mit den Preisen für grünen Strom vergleichen.

Organisiert hat das alles die 33-jährige Leipzigerin Ulla Gahn. Die Erfinderin der Ökostrom-Wechelpartys läuft durch den weiß getünchten mit Bierbänken und Tischen ausstaffierten Raum, dirigiert, delegiert und diktiert mit flapsigen Worten Journalisten ihre Geschichte in den Block: Mit dem Störfall im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark vor einem Jahr habe es angefangen, danach kam Al Gores Film über die Folgen des Klimawandels und der Uno-Weltklimabericht. „Spätestens da hab ich mir gedacht, alle reden nur darüber, dass man die Welt retten muss, aber keiner kriegt seinen Hintern hoch.“ Sich vom Atomstrom zu trennen erscheint ihr ein guter erster Schritt.

Danach muss sie jede Menge Fragen von Freunden und Bekannten beantworten: Wie geht das? Was kostet das? Fällt der Strom aus, bis der neue Anbieter übernimmt? Muss ein neuer Stromzähler eingebaut werden? Um nicht immer wieder dasselbe erzählen zu müssen, organisiert Gahn in ihrer Wohnung in Leipzig die erste Ökostrom-Wechselparty. „Leute, die an dem Termin nicht kommen konnten, fragten dann nach der nächsten Party, schwupp hatten wir die zweite Ökostrom-Wechselparty.“ Es folgen Nummer drei und vier.

Inzwischen erhält Gahn Dutzende von Anfragen aus ganz Deutschland, aus der Schweiz, den Niederlanden und sogar Spanien. „Wir sind jetzt mit der Idee auf Deutschland-Tour, nach der Sommerpause geht es nach Köln, Berlin, Frankfurt, Hamburg.“ Wann sie wieder in ihren regulären Job als freiberufliche Projektmanagerin zurückkehrt, ist noch unklar. „Obwohl es langsam finanziell eng wird, denn durch die Partys verdiene ich kein Geld“, betont sie.

Seite 1:

Der Vattenfall-Effekt

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%