Photovoltaik im „Solar Valley“
Im Osten Deutschlands geht die Sonne auf

Solarunternehmen in den neuen Ländern sind auf Wachstumskurs: Regierungen unterstützen Gründungen und Ausbau der Forschungslandschaft.

BREMEN. Am Rand der sächsischen 2700 Seelen-Gemeinde Mochau im Landkreis Döbeln herrscht Hochbetrieb: In zehn Tagen eröffnet das kalifornische Technologieunternehmen Signet Solar hier seine neue Fabrik. Noch räumen die Techniker ihre Büros ein, und an den Fertigungsstraßen werden die letzten Schrauben festgedreht. Doch ab 12. Juni werden hier die weltweit größten Solarzellen vom Band laufen: Mit 2,20 mal 2,60 Metern Umfang sind sie vor allem für Solarkraftwerke und freistehende Anlagen geeignet. 50 Mill. Euro hat Signet Solar in das Mochauer Werk gesteckt, 130 neue Arbeitsplätze sind entstanden.

„Wir bauen diese Produktionsstätte in Sachsen zum zentralen Mutterwerk des Konzerns aus, um hier die Technologien zu fertigen, die uns neue Märkte erschließen werden - vor allem in Entwicklungsländern“, sagt Rajeeva Lahri, Vorstand von Signet Solar Incorporated, dessen Hauptsitz in Palo Alto liegt. Dass der Solarzellen-Hersteller sein neues Werk ausgerechnet in Mochau baut, hat zwei Gründe: „Die herausragende Kompetenz im Solarsektor und die hervorragende Förderung dieser Technologie machen Sachsen zu einem idealen Standort.“

In Ostdeutschland hat sich die Solarbranche neben Chemieindustrie, Optik und Mikroelektronik zu einem der wichtigsten Industriezweige entwickelt: Über 7000 Arbeitsplätze hat die Photovoltaik in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg in den vergangenen zehn Jahren geschaffen – mehr als in der Energie- und Chemieindustrie zusammen.

Rund 80 Prozent der deutschen und 20 Prozent der weltweiten Solarzellenproduktion finden im ostdeutschen „Solar Valley“ statt. Die Kapazität zur Herstellung moderner Dünnschichtmodule liegt sogar zu 94 Prozent im Osten.

„Die Photovoltaik am Standort Ostdeutschland wird weiter überproportional wachsen“, schätzt Volker Ruhl, Experte für Erneuerbare Energien am Marktforschungsinstitut EuPD Research in Bonn. „In den nächsten fünf Jahren planen die Unternehmen, dort weitere 16 000 Arbeitsplätze zu schaffen.“ Im Jahr 2020 könnte die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Photovoltaik sogar von derzeit 41 000 auf 90 000 steigen, wovon 80 Prozent im Osten angesiedelt wären. „Mit dieser Clusterbildung hat Ostdeutschland die Chance, zur führenden Dachmarke für Solartechnologie zu werden.“

Erster Standortvorteil für Solarunternehmen ist die Tradition dortigen Halbleiterindustrie: So siedelte der Wafer- und Solarzellenproduzent Ersol seine erste Fabrik ganz bewusst am Sitz eines ehemaligen Mikroelektronik-Kombinats an, um auf die Fachkräfte der ehemaligen DDR zurückgreifen zu können. „Nach der Wende suchten viele qualifizierte Facharbeiter und Ingenieure ein neues Tätigkeitsfeld“, berichtet Vorstandsvorsitzender Claus Beneking. Heute ist ersol mit einem Umsatz von rund 160 Mill. Euro und 900 Mitarbeitern eines der erfolgreichsten deutschen Solarunternehmen.

Zweiter Grund für die Beliebtheit des Standortes sind die hohen Förderungen aus EU- und Bundesmitteln: Seit dem Jahr 2000 und mindestens bis 2013 gilt der Osten Deutschlands als Fördergebiet erster Priorität, neue Produktionsstätten werden bis zu 30 Prozent mitfinanziert. Dem weltweit größten Hersteller von Solarzellen Q-Cells griff das Land Sachsen-Anhalt etwa über eine Risikokapitalgesellschaft unter die Arme, um die Produktion am Standort Thalheim anzukurbeln. Hinzu kommt ein außergewöhnlich niedriger Gewerbesteuerhebesatz.

Beim Ausbau der Forschungslandschaft mischen die Landesregierungen kräftig mit. So erhielt der Fraunhofer-Center für Silizium-Photovoltaik CSP in Halle vom Land Sachsen-Anhalt im Februar eine Forschungsförderung in Höhe von 52,5 Mill. Euro. Am Physik-Institut der Universität Halle entsteht ein neuer Studiengang Photovoltaik, ebenso an den Fachhochschulen in Jena und Köthen. Unter dem Namen „Solarvalley Mitteldeutschland“ haben es jetzt 12 Forschungseinrichtungen und 25 Unternehmen in die letzte Runde des Wettbewerbs um die Bundesförderung als Spitzencluster geschafft.

„Die Zukunftsaussichten des Solarclusters Ostdeutschland sind sehr gut“, sagt EuPD-Experte Volker Ruhl. „Die Unternehmen bauen derzeit ihre Produktionskapazitäten weiter aus, um Konkurrenz aus China und Asien zu begegnen, oder investieren in neue Technologien wie Dünnschichtmodule, um Engpässe beim Rohstoff Silizium aufzufangen.“

So will Ersol eine halbe Mrd. Euro dafür investieren, seine Solarzellenproduktion zu verdoppeln. „Zusätzlich wird der Bereich Dünnschicht mit ähnlich hohen Investitionen bis Ende 2012 verfünffacht“, sagt Ersol-Chef Beneking. „Dazu bietet der Standort hervorragende Rahmenbedingungen.“ Die Belegschaft würde sich durch diesen Kapazitätsaufbau auf 2000 Mitarbeiter verdoppeln. Auch Q-Cells will Mitte des Jahres in Thalheim in Sachsen-Anhalt mit der industriellen Serienfertigung von Dünnschichtmodulen beginnen und setzt darüber hinaus verstärkt auf den Export, dessen Anteil bereits bei 70 Prozent liegt.

Volker Ruhl vom Marktforschungsinstitut EuPD Research glaubt, dass die Branche dabei dem Standort die Treue halten wird: „Sicher wird es die eine oder andere Auslagerung nach Asien geben“, sagt der Experte. „Aber eine große Mehrheit der Unternehmen will ihre Zentralen in Ostdeutschland behalten.“

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