Radikaler Artenschutz

Neuseeland will rattenfrei werden

Ratten, Opossums und Hermeline bedrohen die Vögel in Neuseeland, darunter auch das Nationalsymbol, den Kiwi. Die Regierung plant deshalb einen radikalen Schritt: Bis zum Jahr 2050 sollen die Arten ausgerottet sein.
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Bis 2050 will das Land die Nager und einige andere eingeschleppte Arten ausrotten. Quelle: AP
Neuseeland sagt Ratten den Kampf an

Bis 2050 will das Land die Nager und einige andere eingeschleppte Arten ausrotten.

(Foto: AP)

WellingtonNeuseeland hat sich ein so ambitioniertes Umweltziel gesetzt, dass es schon mit der Mondlandung verglichen wird: Im gesamten Land sollen sämtliche Ratten, Opossums und Hermeline ausgerottet werden. Mit der radikalen Maßnahme will der südpazifische Inselstaat seine bedrohten heimischen Vogelarten schützen.

Als sich Neuseeland vor 85 Millionen Jahren von dem Urkontinenten Gondwana abspaltete, gab es noch keine Raubtiere. So konnten sich die Vögel ungehindert entwickeln, bildeten aber auch nie Schutzmechanismen gegen tierische Angreifer aus. Unter den Vögeln ist auch der flugunfähige Kiwi, das Nationalsymbol Neuseelands. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat den nachtaktiven Laufvogel als gefährdet eingestuft.

Als Menschen den Inselstaat bevölkerten, kamen mit ihnen die Raubtiere: auf Schiffen versteckte Ratten, von Siedlern mitgebrachte Opossums für den Pelzhandel und wieselartige Hermeline für die Bekämpfung einer Kaninchenplage. Die Schädlinge zerstörten Lebensräume im Wald und weideten sich an den Vögeln und deren Eiern. Mehr als 40 Prozent aller Vogelarten starben aus, viele andere sind bedroht.

Mit Gift-Hunden gegen Eindringlinge
Salzwasserkrokodil in Australien
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Eigentlich ist Australien ein Paradies für alle möglichen Wildtierarten, vom Krokodil bis zum Koala. Probleme bereiten allerdings jene Arten, die nicht natürlich auf dem fünften Kontinent vorkommen, sondern von Siedlern eingeschleppt oder bewusst eingeführt wurden. Solche Arten zerstören oftmals die Natur oder bringen sie aus dem Gleichgewicht, weil sie keine natürlichen Feinde haben. Das Land greift deshalb zu drastischen Maßnahmen, um die Eindringlinge zu bekämpfen.

Gifthunde gegen Ziegen
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Australien hetzt mit Giftkapseln präparierte Wildhunde auf wilde Ziegen, die eine kleine Insel am Great Barrier Reef zertrampeln und kahl fressen. Die kastrierten Dingos sollen die rund 300 vermehrungsfreudigen Ziegen jagen. Sie selbst sterben nach etwa zwei Jahren, wenn das Gift aus den implantierten Kapseln freigesetzt wird.

Kugeln gegen Katzen
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Katzen gelten in Australien nur als süß, wenn sie im Haus gehalten werden. Wildkatzen werden dagegen für eine ökologische Katastrophe verantwortlich gemacht. Sie töten pro Nacht 75 Millionen Tiere, sagt die Tierschutzorganisation Australien Wildlife Conservancy. Die Katzen haben nach Angaben des Umweltministeriums schon 100 nur in Australien vorkommende Arten gefährlich dezimiert, darunter Vögel, Frösche, Grashüpfer, Schildkröten, Käfer und Krustentiere. Zwei Millionen Katzen sollen bis 2020 getötet werden - durch Giftköder, aber vor allem durch Gewehrkugeln.

Viren gegen Karpfen
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Die Fressgewohnheiten der von Europäern eingeschleppten und sich rasant vermehrenden Karpfen bedrohen Australiens Gewässer. Die Fische wirbeln Sedimente am Boden auf und verhindern so, das Licht für die Pflanzen bis zum Flussboden durchdringt. Die Sedimente begraben Fischeier und verstopfen die Kiemen anderer Fische. Jetzt soll ein Herpes-Virus die Zahl der Karpfen dezimieren. Das Virus, das keine anderen Fischarten angreift, soll in den Flüssen Murray und Darling in den nächsten 30 Jahren 95 Prozent der Karpfen tötem.

(Foto: dpa)

Bulldozer gegen Kaninchen
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Die Langohren zerstören Weiden, verursachen Erosion und fressen einheimischen Arten das Futter weg. Das Agrarministerium in Victoria empfiehlt Bauern, Kaninchen in ihrem Bau einfach platt zu machen. Die Tiere müssten zunächst mit viel Krach erst verängstigt in ihren Bau getrieben werden. Dann müsse großes Gerät aufgefahren werden: Bulldozer, Schaufelbagger oder Erntemaschinen.

Käfer gegen Mimosen
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Auch Pflanzen stehen auf der Abschussliste. Für Biologen ist Mimosa pigra Unkraut. Die Mimosenart wächst in Windeseile zu dickem dornenreichen Gestrüpp. Winzige Flohkäfer, nach ihrem lateinischen Namen Nesaecrepida infuscata zärtlich Nessie genannt, sollen es nun richten. Sie fressen die Mimosen, verhindern die rasante Verbreitung, schwächen die Pflanzen und machen sie anfällig für Krankheiten. (Foto: Wie146/CC BY-SA 3.0)

Kröten gegen Käfer
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Das ist vor 80 Jahren gründlich schiefgegangen. Bauern holten Aga-Kröten ins Land, um gefräßige Stockkäfer in Zuckerrohrfeldern einzudämmen. Die Riesenkröten mit den Giftdrüsen haben sich aber auf verheerende Art breitgemacht und dezimieren Vögel, Eidechsen, Schlangen und selbst Beutelmarder und Warane. (Foto: dpa)

Jetzt wollen die Neuseeländer die Uhr zurückdrehen. Doch der Plan klingt unmöglich: Wie sollen Millionen Schädlinge in einem Land von der Größe Großbritanniens vernichtet werden? Wie soll sichergestellt werden, dass nicht einige wenige Ratten überleben und den Großeinsatz zunichtemachen, sobald sie sich fortpflanzen?

Wissenschaftler beschreiben die Mission in militärischen Kategorien: Die Säuger sollen auf den Halbinseln ausgeschaltet werden, dann werden die Frontlinien von dort aus ausgedehnt, es werden neue Fallen und genetische Waffen entwickelt.

Leidenschaftlicher Appell

Ins Rollen gekommen war die Idee vor fünf Jahren mit einer leidenschaftlichen Rede des führenden neuseeländischen Forschers Paul Callaghan. Was das Nationalerbe angehe, erklärte er, habe England Stonehenge, China die Chinesische Mauer und Frankreich die Höhlenmalereien von Lascaux. Und was mache Neuseeland einzigartig, fragte Callaghan und gab selbst die Antwort: seine Vögel.

Der Wissenschaftler litt damals an einer fortgeschrittenen Krebserkrankung und konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Dennoch nahm er sich mehr als eine Stunde Zeit, um seine Vision von einem rattenfreien Land auszubreiten. Er schilderte, wie sehr ihn als Kind die Mondmission beeindruckt habe, und dass die Rettung der Vögel das Apollo-Programm Neuseelands werden könnte. Callaghan starb einen Monat später, doch seine Vision wuchs.

Vor neun Monaten wurde sie zur offiziellen Regierungspolitik erklärt. Der damalige Regierungschef John Key rief das Ziel aus, die Schädlinge bis 2050 auszurotten, und sprach vom „ehrgeizigsten Artenschutzprojekt weltweit“. Dem Vorhaben schlossen sich viele Unterstützer an. Selbst den engagiertesten unter ihnen ist aber klar, dass für eine erfolgreiche Umsetzung ein wissenschaftlicher Durchbruch nötig ist.

Mehr Schädlinge als Einwohner
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1 Kommentare zu "Radikaler Artenschutz: Neuseeland will rattenfrei werden"

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  • Tiere werden getötet, die Felle aber nicht genutzt. "Aus Tierschutzgründen".
    Stattdessen werden Pelze dann unter wirklich unmenschlichen Bedingungen in Asien hergestellt.

    Wir "zivilisierten" Meschen können zwar auf Pelz verzichten.
    Doch unterm Strich fällt dann der Preis, und es wird dadurch andernorts mehr nachgefragt.

    Andernorts, wo man uns auslacht, dass wir "Fetzen" tragen.
    Haupsache wir sind politisch korrekt.

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