Recycling
Das verlorene Geld in Istanbuls Mülltonnen

Müll ist Geld: 100 000 private Müllsammler ziehen jeden Tag durch türkische Städte, leeren Tonnen aus, wühlen in Müllsäcken nach Verwertbarem. Sie sind die Stütze des türkischen Recyclingkreislaufs, weil der Staat die Verwertung des Mülls kaum organisiert.

HB ISTANBUL. Bevor sich die Sonne vom Tag verabschiedet, zieht Faruk durch die Gassen des Istanbuler Künstlerviertels Cihangir. Vorbei an den Straßencafés, den Appartements im griechischen Art Nouveau Stil, den Antiquitätenhändlern. Faruk muss sich beeilen. Vor einem Hügel hält er inne, umfasst den Eisengriff seines Karrens fester. Dann rennt er los. Erst als er an der Müllcontainergruppe in der Cihangir Straße angekommen ist, macht er Halt. Das T-Shirt klebt ihm verdreckt am Oberkörper, die Anstrengung zeichnet tiefe Falten auf seine Stirn. Mit dem Unterarm streift sich Faruk den Schweiß aus dem Gesicht und klettert auf einen Mauervorsprung, um den Inhalt der Tonnen besser zu überblicken.

Faruk ist Müllsammler, einer von mehr als 100 000, die nach Schätzungen von Experten jeden Tag durch die türkischen Städte ziehen. Sie sind auf der Suche nach Papier, Plastikflaschen, Verpackungsmüll. Die wiederverwertbaren Abfälle können sie für ein paar Lira an ein größeres Lager, an eine Fabrik oder ein Recyclingunternehmen verkaufen. Etwa 20 Prozent des Müllaufkommens in der Türkei landen nach Schätzungen in den Karren der Sammler auf den Straßen.

Faruk ist schnell und kräftig, er sucht vor allem nach Altpapier. Rund 300 Kilo sammelt er an einem Tag. 15, manchmal 20 Euro bekommt er dafür. „Ich habe mich damit abgefunden, mein Geld mit dem Müll anderer zu verdienen. Ich hatte von Anfang an keine andere Wahl“, sagt er und streckt seinen Oberkörper tief in den grauen Müllcontainer.

Viele der Sammler kommen aus ländlichen Gebieten in der Osttürkei, auf der Suche nach Arbeit zieht es sie in die Städte. Faruks Eltern sind Bauern im zentralanatolischen Aksaray. Wenn die Erntezeit vorbei ist und es auf den Feldern keine Arbeit mehr gibt, fährt er mit seinem Cousin nach Istanbul. „Wir bleiben sechs oder sieben Monate, eben solange, bis wir etwas Geld zusammen haben, das wir nach Hause schicken können“, sagt er.

Faruk könnte Mitte dreißig sein, die groben Hände, die trüben Augen sind die eines Mannes, der über Jahre hart gearbeitet hat. Tatsächlich, sagt Faruk, ist er 21 Jahre alt. Seit acht Jahren sammelt er Müll auf Istanbuls Straßen, leert Tonnen aus, wühlt in Müllsäcken. Die Beschimpfungen vieler Cihangir-Anwohner, die sich um die Sauberkeit ihrer schicken Nachbarschaft sorgen, will er nicht hören.

Mit seinem Cousin und acht anderen Männern wohnt Faruk in einem 15 Quadratmeter kleinen Zimmer im Migrantenviertel Tarlabasi, nicht weit von der schillernden Einkaufsmeile Istiklal Caddesi entfernt. In Tarlabasi leben Drogendealer, Strichjungen, Kleinkriminelle. „Ich komme hier nur vorbei, um meinen Müll zu lagern und um meinen Cousin zu sehen. Ich versuche wenig zu schlafen und viel zu arbeiten“, sagt Faruk.

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