Reisebranche entdeckt Klimaschutz Schmutzbilanz mit Folgen

Zu Beginn des Jahres war die Klimakatastrophe in aller Munde, in der Reisebranche wurde sogar über einen Flug-Verzicht diskutiert. Heute ist davon nicht mehr viel übrig: Doch ausgerechnet die Geschäftsreisenden sind Vorreiter beim Klimaschutz. In immer mehr Unternehmen wird auf einen Teil der Reisen verzichtet – denn damit lassen sich Kosten einsparen.
  • Hans-Jürgen Kleese
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Die Reisebranche entdeckt den Klimaschutz. Foto: dpa. Quelle: dpa

Die Reisebranche entdeckt den Klimaschutz. Foto: dpa.

(Foto: dpa)

Arme Inder: Eigentlich hätte der Subkontinent als Partnerland der Internationalen Tourismus Börse Anfang des Jahres im Mittelpunkt des Medieninteresses stehen sollen. Doch es kam anders: Statt die Schönheit des Taj Mahal oder der Provinz Rajasthan zu preisen, malten Rundfunk und Fernsehen, Zeitungen und Magazine die Schrecken der drohenden Klimakatastrophe an die Wand. Und statt deutschen Urlaubern das Land am Ganges schmackhaft zu machen, spekulierten sogar Vertreter der Reisebranche darüber, ob es nicht besser sei, wegen des Kohlendioxid-Ausstoßes von Flugzeugen ganz auf das Fliegen zu verzichten und die schönsten Wochen des Jahres lieber klimaschonend an der Ostsee, im Sauerland oder im Bayerischen Wald zu verbringen.

Heute, gut ein halbes Jahr später, redet kaum noch jemand von Verzicht. Billigflieger wie Ryanair oder Germanwings boomen wie nie, bei Großveranstaltern wie TUI oder Thomas Cook sind vor allem Fernreisen der Renner. Die von vielen wegen ihrer geringen Renditen sowieso nicht richtig ernst genommene Reisebranche hat wieder einmal gezeigt, dass sie sich mit veränderten Rahmenbedingungen schwertut.

Wirklich? Nicht ganz – denn die Bereitschaft zum Umdenken kommt ausgerechnet aus einer Ecke, aus der man das am wenigsten erwartet hätte: von den Geschäftsreisenden und ihren Firmen. In immer mehr Unternehmen wird auf einen Teil der Reisen verzichtet, und sie werden durch Videokonferenzen ersetzt, auf kurzen Distanzen wird mehr mit der Bahn gefahren, statt zu fliegen, etliche zahlen freiwillig Ausgleichsabgaben zur Kompensation der CO2-Emissionen von Flügen, und bei Mietwagen wird auf umweltschonenden Antrieb geachtet. „Das Thema Klimaschutz steht in vielen Unternehmen auf der Tagesordnung“, sagt Michael Kirnberger, Präsident des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR). Auch deshalb, weil die klimaschonenden Alternativen häufig die Budgets schonen.

Das zeigt bei den Anbietern Wirkung: Online-Buchungsportale, Geschäftsreisebüroketten, Firmenkreditkartenanbieter und mittlerweile auch die ersten Luftverkehrsgesellschaften haben CO2-Rechner in Reservierungs- und Reporting-Software integriert, Autovermieter stellen ihre Flotten um, Hotelketten haben Projekte zur Verbesserung ihrer Klimabilanz angeschoben.

Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes stammen knapp 20 Prozent aller CO2-Emissionen aus dem Verkehrssektor, Klimaforscher sahen im Luftverkehr schon 1992 den Verursacher für 3,5 Prozent der Kohlendioxid-Verschmutzung. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass mittlerweile ein Wert von rund zehn Prozent realistisch ist. Dabei geht es nicht allein ums Kohlendioxid, das beim Verbrennen von Kerosin entsteht, hinzu kommen in großen Flughöhen auch Zirruswolken, Kondensstreifen, Stickoxide und noch weitere Schadstoffe. Ein einziger Passagier, der in einem Linienjet von Hamburg nachBarcelona und zurück fliegt, produziert700 Kilogramm CO2, wer in der bequemeren Businessclass reist wegen des höheren Platzbedarfs sogar 1 100 Kilo – genausoviel wie ein Kühlschrank in elf Jahren und gut 20 Prozent mehr als ein Inder in einem Jahr.

Jahrelang interessierten sich nur wenige für die Schreckensszenarien der Klimaschützer. Erst mit dem zu Beginn des Jahres vorgelegten UN-Klimabericht und der fast zeitgleich vom ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore präsentierten und mittlerweile sogar mit zwei Oscars prämierten Dokumentation über die Folgen der globalen Erderwärmung änderte sich das. Als Bestandteil der Diskussion um die gesellschaftliche Verantwortung der Wirtschaft beschäftigen sich inzwischen auch die Unternehmen mit dem Klimaschutz.

„Da war es nur konsequent, auch alle internen Prozesse zu überprüfen, und dazu gehört auch der Bereich Geschäftsreisen“, sagt Chris Hunt, Travel Manager von Electrolux.

Der schwedische Haushaltsgerätehersteller erfasst bereits bei der Buchung die CO2-Emissionen seiner weltweit 8 500 Geschäftsreisenden, am Jahresende wird für jeden eine persönliche CO2-Bilanz aufgestellt. Die Schmutz-Statistik zeigt Wirkung: Seitdem wird weniger geflogen und mehr mit der Bahn gefahren, wenn möglich, verzichten die Mitarbeiter auch ganz aufs Reisen und treffen ihre – meist ebenfalls zum Konzern gehörenden Gesprächspartner – stattdessen virtuell auf den Monitoren in einem der Videokonferenzräume des Unternehmens. „Wer schwarz auf weiß sieht, wie viele Emissionen er verursacht, denkt eher darüber nach, ob eine geplante Reise wirklich notwendig ist“, sagt Hunt.

Electrolux ist nicht der einzige Konzern, der die Reisen seiner Mitarbeiter kritisch unter die Lupe nimmt und auf den Umweltschutz achtet. Ignacio Campino, Nachhaltigkeitsbeauftragter der Deutschen Telekom in Bonn, hat den Firmenwagenbestand des Telefonkonzerns auf umweltschonende Erdgasautos umgestellt hat: Mit 850 alternativ angetriebenen Fahrzeugen betreibt das Unternehmen mittlerweile den größten Erdgas-Fuhrpark in Deutschland – was auch Kraftstoffausgaben und Kfz-Steuer spart. So weit ist Dirk Bremer, Travel Manager beim Pharmahersteller Lilly in Bad Homburg, zwar noch nicht, auch er erfasst aber die CO2-Emissionen seiner Geschäftsreisenden und empfiehlt ihnen, auf die Bahn umzusteigen oder Videokonferenzen als Alternative zu einer Reise zu nutzen.

Um die Akzeptanz der bei vielen wegen der lange Jahre unzureichenden Technik immer noch unbeliebten virtuellen Treffen zu verbessern, hat Computer-Produzent Hewlett-Packard gemeinsam mit dem Zeichentrickfilmstudio Dreamworks sogar ein eigenes Videokonferenzsystem entwickelt: 30 sogenannte Halo Collaboration Studios mit jeweils drei großen Plasmabildschirmen betreibt der Konzern mittlerweile. Genutzt wird die Technik auch hier vor allem für interne Meetings. „Allein im Unternehmensbereich Imaging and Printing“, sagt Umweltmanager Michael Seidel, „ist die Zahl der Geschäftsreisen seitdem um acht Prozent zurückgegangen.“

Das nützt nicht nur der Umwelt, „auch die Reisekostenrechnung der Unternehmen wird entlastet, wenn die Leute weniger unterwegs sind“, sagt Hans Lehrburger von der Unternehmensberatung HLC Consulting und Software in Erlangen, „und das ist sicher ein wesentlicher Grund, warum sich nun auch Travel Manager für das Thema interessieren.“

Die Kosten sind allerdings auch das Haupthindernis, wenn es darum geht, den Klimaschutz auch finanziell zu fördern. Erst wenige deutsche Unternehmen haben sich bisher dazu durchgerungen, für ihre Geschäftsreisen auch Ausgleichszahlungen an Klimaschutzorganisationen wie Atmosfair zu zahlen: Für einen Flug von Düsseldorf nach Mailand und zurück kostet das Klimaschutzzertifikat zum Beispiel neun Euro, für Frankfurt–New York und zurück berechnet Atmosfair 73 Euro. Gefördert werden damit Bewässerungsprojekte in China, Solarküchen in Indien oder eine Biogas-Anlage in Thailand.

Eines der Unternehmen, die den Klimaschutz am konsequentesten angehen, ist die Provinzial Versicherung in Düsseldorf. Treibende Kraft ist dabei der Vorstandsvorsitzende Ulrich Jansen: „Jedes Unternehmen und jede Privatperson trägt hier Verantwortung, alle müssen mitmachen, und auch wir zeigen, dass Dienstleistungsunternehmen einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten können.“

Das umfangreiche und nach den Maßstäben des Environmental Management and Audit Scheme (EMAS) geprüfte und zertifizierte Umweltmanagement erfasst alle Unternehmensbereiche und reicht vom Umbau der Kantinenküchen zur Verbesserung der Energieeffizienz über die Neuanschaffung von erdgasgetriebenen Fahrzeugen für den Fuhrpark bis zum Reisemanagement: Die Provinzial ist Pilotkunde für den neuen Klimarechner des Firmenkreditkartenanbieters AirPlus und erfasst damit den CO2-Ausstoß bei Geschäftsreisen, für alle Flüge werden Kompensationszahlungen an Atmosfair geleistet. Wenn überhaupt noch das Flugzeug benutzt wird: Gereist wird ganz überwiegend mit der Bahn, wer fliegen will, braucht dafür die Genehmigung des Vorstands. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Seit dem Startschuss für das Projekt 2004 konnte der gesamte CO2-Ausstoß um 30 Prozent gesenkt werden, bis 2011 will der Versicherer CO2-neutral wirtschaften.

Doch auch wenn bisher erst eine Minderheit der Unternehmen sich zu so weitreichenden Konsequenzen wie die Provinzial durchgerungen hat – in den Köpfen der Travel Manager ist das Thema angekommen. Rund ein Drittel der 500 VDR-Mitgliedsunternehmen beschäftigt sich nach einer Umfrage des Verbandes mit Klimaschutzproblemen, ein Viertel diskutiert darüber, in die CO2-Kompensation von Dienstreisen einzusteigen, sechs Prozent erwirbt bereits entsprechende Zertifikate oder will das in Kürze tun.

Das veränderte Bewusstsein zeigt auch bei den Anbietern Wirkung. Mietwagenunternehmen wie Avis oder Sixt investieren in Erdgasfahrzeuge und Autos mit Hybridmotor, große Geschäftsreisebüroketten wie BDC Travel, Hogg Robinson oder Carlson Wagonlit Travel (CWT) haben in ihre Online-Buchungsplattformen Emissionsrechner integriert oder beraten ihre Kunden, wenn die bei der Neuausschreibung von Mietwagen- oder Hotelverträgen etwas für die Umwelt tun wollen. „Wir registrieren schon seit einigen Monaten bei vielen Kunden ein gestiegenes Interesse“, sagt CWT-Vertriebschefin Martina Eggler.

Lufthansa und deren Konzerntochter Swiss sind nach monatelangem Zögern ebenfalls aktiv geworden: Über einen Link auf der Internet-Seite können die Kunden die CO2-Emissionen ihres Fluges berechnen. Wer will, kann gleichzeitig die schweizerische Non-Profit-Organisation Myclimate mit einer Spende finanziell unterstützen, die damit Klimaschutzprojekte in aller Welt finanziert. Billigflieger Easyjet hat schon einige Monate früher ein ähnliches Projekt gestartet. Die ebenfalls freiwillige Abgabe – im Schnitt etwa 4,50 Euro für jeden Hin- und Rückflug – kann der Kunde zusammen mit dem Flugpreis bezahlen. Der britische Billigflieger überweist das Geld an ein Wasserkraftprojekt in Ecuador.

Sogar wer am oberen Ende der Luxusskala unterwegs ist und für seine Dienstreisen einen Privatjet benutzen darf, kann inzwischen sein Gewissen erleichtern und etwas für das Klima tun: Der britische Privatjetvermieter Air Partner hat dazu eine Prepaid-Karte eingeführt. Mit deren Erlösen – zwei Prozent vom Charterpreis – werden gemeinsam mit The Carbon Neutral Company vier Technologieprojekte gefördert, in Deutschland ein Agrarunternehmen, das alle bei der Produktion anfallenden Methangase auffängt und neutralisiert.

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