Reisebranche entdeckt Klimaschutz
Schmutzbilanz mit Folgen

Zu Beginn des Jahres war die Klimakatastrophe in aller Munde, in der Reisebranche wurde sogar über einen Flug-Verzicht diskutiert. Heute ist davon nicht mehr viel übrig: Doch ausgerechnet die Geschäftsreisenden sind Vorreiter beim Klimaschutz. In immer mehr Unternehmen wird auf einen Teil der Reisen verzichtet – denn damit lassen sich Kosten einsparen.
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Arme Inder: Eigentlich hätte der Subkontinent als Partnerland der Internationalen Tourismus Börse Anfang des Jahres im Mittelpunkt des Medieninteresses stehen sollen. Doch es kam anders: Statt die Schönheit des Taj Mahal oder der Provinz Rajasthan zu preisen, malten Rundfunk und Fernsehen, Zeitungen und Magazine die Schrecken der drohenden Klimakatastrophe an die Wand. Und statt deutschen Urlaubern das Land am Ganges schmackhaft zu machen, spekulierten sogar Vertreter der Reisebranche darüber, ob es nicht besser sei, wegen des Kohlendioxid-Ausstoßes von Flugzeugen ganz auf das Fliegen zu verzichten und die schönsten Wochen des Jahres lieber klimaschonend an der Ostsee, im Sauerland oder im Bayerischen Wald zu verbringen.

Heute, gut ein halbes Jahr später, redet kaum noch jemand von Verzicht. Billigflieger wie Ryanair oder Germanwings boomen wie nie, bei Großveranstaltern wie TUI oder Thomas Cook sind vor allem Fernreisen der Renner. Die von vielen wegen ihrer geringen Renditen sowieso nicht richtig ernst genommene Reisebranche hat wieder einmal gezeigt, dass sie sich mit veränderten Rahmenbedingungen schwertut.

Wirklich? Nicht ganz – denn die Bereitschaft zum Umdenken kommt ausgerechnet aus einer Ecke, aus der man das am wenigsten erwartet hätte: von den Geschäftsreisenden und ihren Firmen. In immer mehr Unternehmen wird auf einen Teil der Reisen verzichtet, und sie werden durch Videokonferenzen ersetzt, auf kurzen Distanzen wird mehr mit der Bahn gefahren, statt zu fliegen, etliche zahlen freiwillig Ausgleichsabgaben zur Kompensation der CO2-Emissionen von Flügen, und bei Mietwagen wird auf umweltschonenden Antrieb geachtet. „Das Thema Klimaschutz steht in vielen Unternehmen auf der Tagesordnung“, sagt Michael Kirnberger, Präsident des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR). Auch deshalb, weil die klimaschonenden Alternativen häufig die Budgets schonen.

Das zeigt bei den Anbietern Wirkung: Online-Buchungsportale, Geschäftsreisebüroketten, Firmenkreditkartenanbieter und mittlerweile auch die ersten Luftverkehrsgesellschaften haben CO2-Rechner in Reservierungs- und Reporting-Software integriert, Autovermieter stellen ihre Flotten um, Hotelketten haben Projekte zur Verbesserung ihrer Klimabilanz angeschoben.

Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes stammen knapp 20 Prozent aller CO2-Emissionen aus dem Verkehrssektor, Klimaforscher sahen im Luftverkehr schon 1992 den Verursacher für 3,5 Prozent der Kohlendioxid-Verschmutzung. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass mittlerweile ein Wert von rund zehn Prozent realistisch ist. Dabei geht es nicht allein ums Kohlendioxid, das beim Verbrennen von Kerosin entsteht, hinzu kommen in großen Flughöhen auch Zirruswolken, Kondensstreifen, Stickoxide und noch weitere Schadstoffe. Ein einziger Passagier, der in einem Linienjet von Hamburg nachBarcelona und zurück fliegt, produziert700 Kilogramm CO2, wer in der bequemeren Businessclass reist wegen des höheren Platzbedarfs sogar 1 100 Kilo – genausoviel wie ein Kühlschrank in elf Jahren und gut 20 Prozent mehr als ein Inder in einem Jahr.

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