„Rio+20“-Gipfel
Brasilien auf dem Weg zum Industrieland

Brasilien hat einen steinigen Weg vor sich. Der Gastgeber des „Rio+20“-Gipfels muss auf dem Weg zum Industrieland gleichzeitig den Regenwald erhalten. Einige Erfolge wurden schon errungen - doch sie sind in Gefahr.
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ItacaréUmweltschutz konnte sich Eilson Santos lange nicht leisten. Vor 23 Jahren siedelte sich der Kleinbauer im Hinterland der brasilianischen Stadt Itacaré an, mitten im Küstenregenwald, der Mata Atlântica. Er rodete ein Stück Land, um Maniok anzupflanzen, und baute eine Lehmhütte für sich, seine Frau und seinen Sohn. Für die kleine Familie ging es um die Existenz, der Wald stand im Weg.

Heute rührt der 64-Jährige keinen der Bäume mehr an, die noch knapp die Hälfte seines neun Hektar großen Besitzes bedecken. Stattdessen betreibt er — auch mit deutscher Hilfe — ökologische Landwirtschaft und verkauft Ananas, Gemüse und Eier an das Txai Resort: Die Luxus-Ferienanlage an der Küste nimmt dem Kleinbauern nicht nur seine Produkte ab, sondern hat ihm auch den Hühnerstall oder Futter für die Tiere finanziert. Santos schützt die Umwelt, und die Urlauber bezahlen für die intakte Natur.

Die Geschichte steht beispielhaft für den Zielkonflikt, um den es beim „Rio+20“-Gipfel vom 20. bis 22. Juni geht — und dem sich der Gastgeber auf dem Weg vom Schwellen- zum Industrieland stellen muss: Wie lassen sich Umwelt- und Klimaschutz mit wirtschaftlichem Wachstum und sozialem Fortschritt vereinbaren? Wie kann sich Brasilien mit seinen 197 Millionen Einwohnern — schon heute die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt — weiterentwickeln und gleichzeitig den Regenwald erhalten, die grüne Lunge des Planeten, die für das Weltklima von enormer Bedeutung ist?

Von Santos’ Heimat sind es gut 900 Kilometer in die Hauptstadt Brasilia. Dort hat das Chico-Mendes-Institut seinen Sitz, das für das Umweltministerium die staatlichen Schutzgebiete verwaltet. „Der Name ist Programm“, sagt der Agraringenieur Ricardo Vizentin, der das Institut seit März leitet: Der Kautschukzapfer Chico Mendes bezahlte das Engagement für den Wald und gegen die Agrarindustrie 1988 mit seinem Leben. Und auf den ersten Blick scheint es, als ging mit seinem Tod auch der Kampf gegen die Entwaldung verloren. Gut 6 000 Quadratkilometer Regenwald wurden im Namen der wirtschaftlichen Entwicklung 2011 allein im Amazonasgebiet abgeholzt oder verbrannt — eine Fläche, die rund 840 000 Fußballfeldern entspricht. Knapp 40 Milliarden Dollar verdient Brasilien Jahr für Jahr mit dem Holzexport. Besonders schlecht ist es um die Mata Atlântica bestellt, von der nur noch 27 Prozent erhalten sind. Die dichte Besiedelung und die industriellen Zentren an der Küste setzen dort dem Regenwald besonders zu.

Und doch kann Vizentin auf große Erfolge verweisen. Gut ein Drittel des Waldes in Brasilien steht heute unter staatlichem Schutz. Und auch private Grundbesitzer dürfen nicht beliebig die Säge ansetzten, sondern müssen — je nach Region unterschiedliche — Baumbestände stehen lassen. Im Amazonasgebiet ist so die Entwaldungsrate seit 2004 um 75 Prozent zurückgegangen. Auch in den Savannengebieten des Cerrado, dem landwirtschaftlichen Zentrum des Landes, fressen sich Soja- oder Zuckerrohrplantagen dank moderner Satellitenüberwachung nicht mehr ungebremst in den noch vorhandenen Baumbestand.

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  • Der Regenwald ist nicht die grüne Lunge des Planeten. Dies ist seit etwa 20 Jahren bekannt.
    Infolge der starken Verdunstung und der damit verbundenen Wolkenbildung könnte man den Regenwald als Klimaanlage des Planeten bezeichnen.
    Der von den Bäumen emittierte Sauerstoff wird von den Mikroben während der Zersetzung des Biomaterials vollständig aufgebraucht. Der Sauerstoff entsteht überwiegend in den Brandungszonen der Küsten.
    Wolkenbildung, Regenmengen, und reflektiertes Sonnenlicht, welches die Erdoberfläche nicht aufheizt, wirken global stark abkühlend.
    Der Erderwärmung, nicht der CO2 - Anreicherung, wirkt der Regenwald entgegen.

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