Solarboom treibt Kosten: Sonnenenergie wird unbezahlbar

Solarboom treibt Kosten
Sonnenenergie wird unbezahlbar

Sonnenenergie wird immer populärer - und damit unbezahlbar. Weil die Förderungen auf Jahre garantiert sind, summieren sich die Folgelasten mittlerweile auf hohe zweistellige Milliardenbeträge. Selbst die Branche erkennt, dass es so nicht weitergeht.
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BERLIN. Die staatliche Förderung des Solarstroms bringt für große Stromverbraucher in der Industrie und für Privatkunden in Kürze deutliche Preiserhöhungen. Verbraucherzentralen schätzen, dass die Strompreise im kommenden Jahr allein durch die Ökostrom-Förderung um zehn Prozent steigen dürften. Die Industriestrompreise in Deutschland sind ohnehin hoch, durch die Ökostrom-Förderung erreichen sie im europaweiten Vergleich Spitzenwerte.

Entscheidender Kostentreiber sind nun vor allem die Photovoltaikanlagen. Jahr für Jahr klettert ihre Zahl deutlich stärker als prognostiziert. Gegenüber früheren Schätzungen hat sich der Kapazitätszuwachs in diesem Jahr mehr als verzehnfacht. Für jede Anlage garantiert das Erneuerbare-Energien-Gesetz für 20 Jahre eine Einspeisevergütung, die derzeit um den Faktor sechs über dem Preis für konventionell erzeugten Kraftwerksstrom liegt. Die Mehrkosten werden auf alle Stromverbraucher umgelegt. Da die Preise für die Photovoltaikanlagen in den vergangenen Jahren stark gesunken sind, die staatlichen Vergütungen aber nur moderat gekürzt wurden, sind die Anlagen für die Betreiber sehr lukrativ. Nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung summieren sich die Nettokosten aller zwischen 2000 und 2010 installierten Photovoltaikanlagen auf 85,4 Mrd. Euro.

Die Förderung der erneuerbaren Energien drohe aus dem Ruder zu laufen, warnt Martin Kneer, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Metalle. Ausgenommen von der Umlage sind in Deutschland nur wenige Hundert Unternehmen, darunter extrem energieintensive Anlagen, etwa Aluminiumhütten.

Zuletzt hatte ein offener Brief von Johannes Lackmann hat die Photovoltaik-Branche aufgeschreckt. Lackmann ist kein Feind der erneuerbaren Energien. Im Gegenteil: Er ist in der Ökostrom-Branche fest verwurzelt und war jahrelang Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energien. Lackmann warnt, die Unternehmen stellten sich faktisch auf eine Stufe mit Altindustrien, die sich fehlende Marktanpassungen mit Subventionen bezahlen ließen. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), mit dem Ökostrom gefördert wird, dürfe nicht als Ruhekissen missbraucht werden. Aus seiner Sicht droht die Photovoltaik-Branche den Bogen zu überspannen - zulasten der Stromverbraucher.

Lackmann beschreibt die Folgen einer Entwicklung, die in diesem Jahr auf einen neuen Höhepunkt zusteuert. Weil die EEG-Förderung so komfortabel ist, werden auf Deutschlands Dächern so viele Photovoltaikanlagen montiert, wie es niemand jemals für möglich gehalten hätte: Das Fachmagazin "Photon" rechnet damit, dass 2010 Solarzellen mit einer Kapazität von 8 800 Megawatt (MW) hinzukommen, das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hält einen Wert von "bis zu 9 000 MW" für realistisch. Gegenüber 2006 erhöht sich die neu installierte Kapazität damit um den Faktor elf. Noch 2007 ging man davon aus, dass 2010 höchstens 700 MW neu hinzukommen.

Der völlig ungebremste Run auf die Photovoltaik hat immense Folgen für alle Stromverbraucher. Denn für jede installierte Anlage garantiert das EEG für 20 Jahre feste Einspeisevergütungen, die den Börsenpreis für konventionell erzeugten Strom um ein Vielfaches übersteigen. Für Anlagen, die heute ans Netz gehen, sind pro Kilowattstunde durchschnittlich 31 Cent fällig. Dieser Wert ist bis 2030 gesetzlich garantiert. Zum Vergleich: An der Strombörse EEX ist eine Kilowattstunde konventionell erzeugten Stroms für rund fünf Cent zu haben. Die Differenz wird auf alle Stromverbraucher umgelegt. Lediglich für einige energieintensive Branchen gibt es Ausnahmen.

Nach Berechnungen des RWI summieren sich die Nettokosten für alle zwischen 2000 und 2010 errichteten Photovoltaikanlagen über die jeweilige 20-jährige Förderdauer auf real 85,4 Mrd. Euro. Dieser Wert entspricht mehr als einem Viertel des Bundeshaushalts. Der Beitrag des Sonnenstroms zum gesamten Stromverbrauch in Deutschland ist trotz der großen Fördersummen gering. Er beträgt rund ein Prozent.

Nach Berechnungen der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) schlagen allein die 2010 neu hinzukommenden Photovoltaikanlagen über die Förderdauer von 20 Jahren für die Verbraucher mit Mehrkosten von 26 Mrd. Euro zu Buche. Laut VZBV wird dies den Strompreis 2011 um zehn Prozent steigen lassen. Schon heute kündigen die Energieversorger Preiserhöhungen an. RWE etwa erklärte am Freitag unter Hinweis auf gestiegene Ökostrom-Kosten, man werde die Preise ab August um 7,3 Prozent erhöhen.

Der Grund für den massenhaften Zubau liegt auf der Hand: Während die Kosten für die Solarmodule in den vergangenen Jahren stark gefallen sind, sanken die Einspeisevergütungen nur leicht. Die Modulhersteller können noch immer recht hohe Preise durchsetzen, was ihnen auskömmliche Renditen beschert. Zugleich garantieren die Einspeisevergütungen den Anlagenbetreibern ein gutes Geschäft.

Bereits seit Monaten wird über Einschnitte bei den EEG-Vergütungen verhandelt. Die Solarbranche wehrt sich vehement - und bedient sich dabei der Unterstützung einzelner Bundesländer. Sie wollen die von der Bundesregierung geplanten Kürzungen im Bundesrat verhindern. Der Vermittlungsausschuss von Bundesrat und Bundestag hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die bis zum 5. Juli einen Kompromiss finden soll. Das letzte Wort hat allerdings der Bundestag.

Aus Sicht von Johannes Lackmann tut sich die Branche mit dem Abwehrkampf keinen Gefallen. Die von der Bundesregierung geplante Kürzung der Vergütungen hält er für überfällig. Lackmann wünscht sich einen Automatismus, mit dem die Vergütungen alle halbe Jahre ohne lange Debatte angepasst werden. Aus Sicht des RWI gehört das EEG komplett abgeschafft. Es schaffe keinen Ansporn für Investitionen in Forschung und Entwicklung: "Führende deutsche Solarunternehmen geben weniger als zwei Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus. Damit liegen sie unter dem Wert von Siemens", sagt Manuel Frondel, Leiter des Bereichs Umwelt und Ressourcen beim RWI. Er hält gezielte Technologieförderung für sinnvoller als die Subventionierung übers EEG.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

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  • Nach Veröffentlichungen des Statistischen Amts der
    europäischen Gemeinschaft zahlen Privathaushalt
    in der bundesrepublik für 100 Kilowattstunden 22,90 Euro.
    Der durchschnittliche Preis in der EU liegt bei16,50
    Euro.
    Damit zahlen wir im Durchschnitt 40% als in der EU.
    Dies hält auf Dauer keine Regierung aus. Die Ver-
    braucher wissen nur noch nicht was auf dem Energie-
    marlt los ist. Die Ökos haben Angst vor sinkenden
    Energiepreisen, weil dann die Alternativenergien
    gewaltige Probleme bekommen. Die Parteien belügen
    die Verbraucher. Energie kann viel billiger sein.
    Energie wird aus ideologischen Gründen verteuert.

  • Merkwürdig... sind doch im angesprochenen Strommix die PV-Anlagen mit 1% angegeben. Zudem sparen die Versorger an sich übertragungskosten, weil ja der Strom an sich näher am Verbraucher produziert wird. Und die derzeitigen Endverbraucherkosten werden auch ohne PV in spätestens 10 Jahren in der Höhe angekommen sein in der jetzt Garantievergütungen nach EEG gezahlt werden müssen. Die größten Preistreiber sind die Versorger selbst... Und die lassen sich ihre Kraftwerke auch wieder vom Kunde bezahlen. Und die sind schneller abbezahlt als PV-Anlagen von paar Dächern... merkwürdig.

  • ich verwechsele nicht was Kapitalismus und Gier bedeutet.
    .
    1.Öl
    2.Erdgas
    3.im kommen Erneubare Energien.
    .
    Klimawandel kann aber auch Eiszeit bedeuten.
    .
    Wie weit geht der Mensch noch?
    Was sollte aus unsere Mutter Erde werden?
    Der Mensch als bestie gegen alles was sich im Weg stellt.
    .
    Leertasche-(n). füllen nich vergessen bLEibT DiE DEViESE.

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