Sozial- und Umweltstandards Schmutziger Kampf um die Rohstoffe

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Hohe kriminelle Energie

Trotz jahrelanger Kritik verpflichtet die Elektronikbranche ihre Zulieferer erst seit 2008, Tantal aus anderen Abbaugebieten als dem Kongo zu beziehen. Zulieferer würden streng überprüft, heißt es. Seit Januar wird das Metall wieder in einer als unbedenklich geltenden Mine in Australien gewonnen. Gleichwohl bieten viele Händler Billigmaterial aus illegalen Quellen mit gefälschten Papieren an. "Die kriminelle Energie ist unvorstellbar hoch", sagt ein Branchenkenner, der nicht genannt werden will.

Kongos Nachbarland Ruanda startete darum 2009 mit der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) ein Projekt zur Zertifizierung der Handelsketten. Keine leichte Aufgabe, denn Ruanda exportiert fast neunmal mehr Tantal, als es selbst produzieren kann. Quelle ist wohl der Kongo.

Dem Vorwurf, illegale Materialien zu verwenden, sah sich wiederholt der niedersächsische Mittelständler H.C. Starck in Goslar ausgesetzt - obwohl UN-Ermittlungen 2003 ergaben, dass er keine Beziehungen zum Kongo unterhält. Der weltweit aktive Produzent verkauft Metallpulver an Hersteller von Kondensatoren für Produkte von Apple, Dell, Intel, Nokia, Samsung & Co. "Wir haben direkt nach der UN-Untersuchung reagiert und keine Materialien zweifelhafter Herkunft mehr bezogen", sagt Andreas Meier, Vorsitzender der Geschäftsführung von H.C. Starck.

Die Firma geriet gleichwohl so sehr in Bedrängnis, dass sie einen verantwortlichen Beschaffungsprozess, das Responsible Supply Chain Management (RSCM), mit Connexis und der Ingenieur- und Umweltberatung URS Deutschland entwickelte. Anfang 2010 wurde das System mit strengen Nachhaltigkeitskriterien implementiert. Der französische Zertifizierer Bureau Veritas bestätigte die Wirksamkeit - jedoch ohne Zertifikat, weil eine entsprechende Norm fehlt.

Kern ist die Auditierung von Zulieferern, durch die die Herkunft der Rohmaterialien festgestellt und die Rückverfolgbarkeit verifiziert wird. Mitarbeiter aus dem Einkauf sowie Werkstoffingenieure überprüfen vor Ort die schriftlichen Selbstauskünfte und Produktionsprozesse - ein langwieriges Unterfangen. Nur wer das Audit besteht, soll liefern dürfen. Der globale Rohstoffeinkauf ist heute zentral gesteuert und berichtet direkt an die Geschäftsleitung - auch das soll Transparenz sichern.

Aktuell ist gut die Hälfte der Tantalzulieferer auditiert, aber ohne Einbezug externer Experten. Den Prozentsatz des so abgedeckten Einkaufsvolumens gibt H.C. Starck nicht preis. Die Firma habe sich aber von einigen Zulieferern getrennt und beziehe Tantal außerhalb der Demokratischen Republik Kongo aus zuverlässigen Quellen zu höheren Preisen.

"Denn mittlerweile wollen auch unsere Kunden sicherstellen, dass die verwendeten Rohstoffe nicht aus Konfliktgebieten kommen", sagt Meier. "Wir werden das RSCM-System auch auf andere Metalle, die wir verarbeiten, ausweiten." Das Reputationsrisiko der Firma sei im Branchenvergleich aktuell sehr gering, heißt es beim Schweizer Datenbankanbieter Reprisk.

Nach Jahren des Zögerns wurde auch der Branchenverband EICC aktiv: Seit Herbst 2010 überprüft er das knappe Dutzend Einschmelzer und Schlüsselverarbeiter von Tantal. Sie müssen Zulieferermanagementsysteme haben und belegen, dass sie kein Material aus Konfliktregionen beziehen.

Wem das gelingt, der erhält ein Zertifikat - für Kritiker, denen die Prüfung nicht weitgehend genug ist, ein billiger "Persilschein". Überdies bezieht sich die EICC-Prüfung nicht auf andere teils illegal abgebaute Rohstoffe wie Gold, Wolfram oder Zinn.

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