Spezial: Erneuerbare Energien
Tiefe Wasser

Die Deutschen bauen die weltweit größten Windgeneratoren für Offshore-Parks. 2008 werden die ersten dieser Mühlen in der Nordsee aufgestellt. Das Geschäft mit den Windparks im Meer ist dabei jedoch keineswegs risikofrei.
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Tripod heißt das 30 Meter hohe und 500 Tonnen schwere Dreibein, das auf seiner Schulter eine der derzeit weltgrößten Windmühlen trägt. Mehr als 100 Meter ragt die Anlage in den Himmel. Gigantisch sind auch die drei Rotorblätter, jedes 56,5 Meter lang. 200 Tonnen wiegt die Gondel, die den Propeller trägt sowie das Getriebe und den Generator beherbergt. Mehrere Monate dauerte die Montage des Kolosses, der seit Ende vergangenen Jahres in Bremerhaven, auf dem Gelände der Entwicklungsgesellschaft Multibrid, zu bestaunen ist. Hier wollen die Ingenieure das windige Kraftwerk mit der Typenbezeichnung M 5000 und einer Nennleistung von 5000 Kilowatt optimieren und die letzten Kinderkrankheiten beseitigen. An Land ist das weitaus billiger als auf hoher See.

Sechs dieser Mühlen sollen im kommenden Jahr im Offshore-Windpark Borkum-West auf dem Boden der Nordsee verankert werden und anschließend 20 Jahre lang Strom produzieren. Ebenfalls sechs Fünf-Megawatt-Anlagen will der Hamburger Hersteller Repower dort installieren. "Endlich kann die deutsche Industrie mal zeigen, was sie kann", freut sich Jörn Uecker von der IMS Ingenieurgesellschaft in Hamburg, die Offshore-Anlagen konzipiert.

Was nicht bedeutet, dass das Offshore-Geschäft frei von Risiken ist. Das hat der Auricher Windgeneratorhersteller Enercon im vergangenen Jahr bereits erfahren müssen. Beim Versuch, eine Fünf-Megawatt-Mühle in fünf Meter tiefem Wasser aufzubauen, gab das Fundament nach. Es war zu schwach. Enercon brach die Installation ab und entschloss sich, an Land zu bleiben - obwohl es zumindest in Deutschland dort kaum noch attraktive und politisch durchsetzbare Standorte gibt. Deshalb setzen die Auricher verstärkt auf den Export.

Windgeneratoren mit fünf Megawatt und mehr sollen gleich 1000-fach in Nord- und Ostsee postiert werden, weil der Ertrag wegen stärkerer und beständigerer Winde dort mehr als doppelt so hoch ist wie an Land. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie in Hamburg hat bisher gut ein Dutzend Windparks auf hoher See genehmigt. Wenn die zulässige Gesamtleistung von 20 000 Megawatt tatsächlich erreicht wird, erreichen die Investitionskosten, basierend auf den konkreten Kostenplanungen für den Windpark Butendiek 34 Kilometer westlich von Sylt, bis zu 50 Milliarden Euro. Bisher sind in deutschen Gewässern allerdings erst drei Anlagen mit je einer Mühle in Betrieb: in Emden, Wilhelmshaven und Rostock. Diese Windräder stehen allerdings in relativ seichtem Wasser, wenige Meter vom Ufer entfernt.

Andere Nationen sind wesentlich weiter. Dänemark, Schweden und Großbritannien produzieren bereits in mehreren Parks Strom auf hoher See. Im vergangenen Jahr produzierten 21 Parks und Einzelanlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 900 Megawatt rund drei Milliarden Kilowattstunden. Allerdings sind die Anlagen mit meist zwei Megawatt Leistung relativ klein.

Klotzen statt kleckern heißt hingegen die Devise in Deutschland - die Offshore-Generatoren werden die weltgrößten sein. Mit den in Borkum-West projektierten zwölf Anlagen will die deutsche Industrie beweisen, dass sich die Mammutmühlen durchaus wirtschaftlich betreiben lassen - woran viele Investoren derzeit noch zweifeln. Schon die an Land ausgiebig getesteten Anlagen, die Skandinavier und Briten ohne große konstruktive Änderungen ins Meer gestellt haben, litten unter teilweise massiven Störungen. So mussten im dänischen Offshore-Windpark Horns Rev vor gut zwei Jahren sämtliche 80 Generatoren ausgetauscht werden, weil ihnen die salzhaltige Luft schwer zugesetzt hatte und die Anlagen schon nach kurzer Zeit Korrosionsschäden aufwiesen. Erst wenn die Mühlen in Borkum-West gezeigt haben, dass sie Wind und Wetter standhalten und wirtschaftlich arbeiten, werden sich die Banken nicht mehr so zugeknöpft zeigen, hofft ein Insider, der nicht genannt werden will.

Zusätzlich beunruhigt die Investoren die Entwicklung der Baukosten, die schon in der Planungsphase heftig aus dem Ruder laufen. Die Planer des Parks Butendiek beispielsweise hatten für die Errichtung von Windmühlen mit einer Gesamtleistung von 240 Megawatt ursprünglich 420 Millionen Euro angesetzt. Ende vergangenen Jahres musste die Investitionssumme um gut 30 Prozent nach oben korrigiert werden. Der Grund: Der Bau der Fundamente in 20 bis 60 Meter tiefem Wasser ist schwieriger als gedacht. Erprobte Lösungen gibt es noch nicht. Der Tripod von Multibrid gehört zu den aussichtsreichsten Techniken. Kostensteigernd sind zudem die teilweise große Entfernung vom Festland, die die Versorgung der Baustellen erschwert, sowie Störungen durch Wetterkapriolen.

Die Offshore-Windparks in den Nachbarländern stehen fast alle küstennah in nur wenige Meter tiefem Wasser. Diese kostensparende Lösung kam für die Genehmigungsbehörden in Deutschland aus optischen Gründen allerdings nicht infrage.

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