Umfrage
Unternehmen verweigern Klimaschutz-Informationen

Fast die Hälfte der zweihundert größten deutschen Unternehmen informiert ihre Aktionäre nicht über Strategien zum Klimaschutz. Die andere Hälfte betrachtet den Klimawandel als großes Risiko, wie eine Studie des BVI ergab. Jetzt fordert der Verband Klarheit über finanzielle Folgen der Erderwärmung.

MÜNCHEN. Noch immer verweigern 45 Prozent der 200 nach Marktkapitalisierung größten deutschen Unternehmen ihren Aktionären Informationen über Emissionen und Klimaschutzstrategien. Dazu gehören Continental, Draegerwerk, Infineon, Klöckner & Co und Praktiker. Drei Viertel der anderen 109 Firmen sehen im Klimawandel ein Risiko für ihr Geschäftsmodell, das sie im Risikomanagement zu erfassen versuchen. Das ergab die diesjährige Umfrage des Bundesverbands Investment und Asset Management (BVI) und der Umweltorganisation WWF für die weltweit größte Investoreninitiative "Carbon Disclosure Project" (CDP).

Darin sind inzwischen 385 Banken, Versicherer und Pensionsfonds vereint, die 57 Bill. Dollar verwalten und die weltweit 3 000 Unternehmen befragen, um Klimarisiken wie Chancen für Anlagen aufzudecken. Darunter sind 45 deutsche Investoren. "Die MEAG nutzt CDP-Daten bei Aktienanalyse und Portfoliomanagement für Branchen, bei denen hohe CO2-Emissionen künftig signifikante Kosten darstellen", sagte Holger Kerzel dem Handelsblatt, Leiter Portfoliomanagement Aktien bei der MEAG, dem Handelsblatt.

Der BVI lässt seit diesem Jahr im Hauptversammlungsservice für Mitglieder klären, inwieweit Unternehmen dem CDP antworten. Dies wird bei der Bewertung der Tagesordnungspunkte aller Hauptversammlungen der 160 Dax-Titel aufgeführt. „Eine Nichtbeteiligung führt zu einem kritische Punkt bei der Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat“, sagte BVI-Geschäftsführer Rudolf Siebel dem Handelsblatt. Ein Konzern kritisierte das, beantwortete nun aber die Fragen, wie zu hören ist.

Das CDP unterstützt Institutionelle bei der Entwicklung von Investitionsstrategien, die Klimaaspekte beachten. Seit September gibt es eine Datenbank für Mitglieder, die vergleichende Analysen ermöglicht. Künftig wird das CDP maßgeschneiderte Informationen als Hilfsmittel für Investitionsentscheidungen liefern und Investoren helfen, CO2-Risiken und Chancen ihres Kundenstammes zum Beispiel bei der Kreditvergabe zu erkennen.

Die deutsche Rücklaufquote ist international betrachtet mittelmäßig. "Wir hatten noch nicht die nötigen Daten", begründete ein Sprecher von Draegerwerk die Ablehnung der Teilnahme. Es sei aber geplant, 2009 den Fragebogen zu beantworten. Continental habe die Teilnahme abgelehnt, weil die Emissionen durch Angaben der Autohersteller und Energieversorger abgedeckt seien, hieß es. Continental kündigte aber gegenüber dem Handelsblatt seine Teilnahme für 2009 an.

Konkreter als 2007 verdeutlichten die antwortenden Firmen potenzielle Auswirkungen der Risiken, etwa von Emissionsgesetzgebung, Besteuerung, Investitionsbedarf, Produktionsausfällen durch Extremwetterlagen, Infrastrukturausfällen oder verändertem Verbraucherverhalten. Doch erst ein Viertel der risikobewussten Firmen hat ein klimaorientiertes Management mit Maßnahmen und Kontrollen implementiert. "Nur wenige sind in der Lage oder bereit, die Maßnahmen zu quantifizieren - sie lassen Investoren damit im Dunkeln", kritisiert Alexander Bassen, Professor an der Uni Hamburg und Autor des gestern vorgestellten Berichts. Bloß sechs Prozent legten aktuelle oder geplante finanzielle Folgen der Risiken und Maßnahmen offen. Kein Unternehmen aber macht Einschätzungen für verschiedene Szenarien.

Überraschend sehen die Unternehmen viel mehr Chancen als Risiken und berichten hierüber fundierter. Drei Viertel sehen Chancen, indem durch effizienteren Ressourceneinsatz Kostenvorteile entstehen oder neue Produktstandards und verändertes Verbraucherverhalten ihnen nutzen. "Diese Einschätzung kann daran liegen, dass die Risiken den Unternehmen nicht voll bekannt sind und sie Chancen im Wertbeitrag überschätzen", relativiert Bassen. Darauf deute der Verbesserungsbedarf bei der Berichterstattung hin.

Immerhin haben drei Viertel der Unternehmen - viel mehr Unternehmen als 2007 - eigene Treibhausgasemissionen gemessen. Die Belastbarkeit und Vergleichbarkeit der Angaben ist besser als im Vorjahr, was auch an vermehrter externer Prüfung liegt. Doch nur sehr wenige Firmen benannten Geschäftsrisiken aus Emissionen der Wertschöpfungskette und Produktnutzung. "Diese Informationen sind aber besonders nötig, da nur so das Absatz- und Reputationsrisiko abzubilden ist, was wesentlichen Einfluss auf den Betriebsgewinn hat", sagt Bassen. Nur knapp ein Drittel der Antwortenden machte detaillierte Angaben zu Emissionszielen, den Maßnahmen und Zeiträumen dafür.

Das CDP will Investoren ermöglichen, Klimawandel- und Treibhausgas-Informationen bei Anlageentscheidungen zu berücksichtigen. Problematisch sind die verschiedene Ansätze und Methoden für die Beachtung von CO2- Risiken in der Firmenbewertung aus Kapitalmarktsicht. Das CDP engagiert sich für ein globales einheitliches Regelwerk für Unternehmensberichte, das Klarheit zu Offenlegungserfordernissen schafft und ein Instrument für nationale Gesetzgeber darstellen soll.

Investoren nutzen CDP-Daten für Unternehmensdialoge, qualitative Untersuchungen, Sell-Side Finanzanalyse sowie die Einreichung von Aktionärsbeschlüssen und beginnen mit der Erstellung neuer Produkte und Indizes.

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