Umweltschutz in China Saubere Perspektive

Smog verdunkelt den Himmel, Flüsse und Kanäle verkommen zu Kloaken: Die Umweltverschmutzung nimmt in China immer dramatischere Ausmaße an. Von den 20 Großstädten mit der schlechtesten Luftqualität weltweit liegen 16 in China.Die Regierung verschärft nun den Kampf gegen Umweltsünder - und macht deutschen Unternehmen Hoffnung auf große Geschäfte.
  • Martin Seiwert und Matthias Kamp
Kommentieren
Smog in einem Industriegebiet von Taiyuan: Die Umweltverschmutzung in China nimmt rasant zu. Foto: reuters

Smog in einem Industriegebiet von Taiyuan: Die Umweltverschmutzung in China nimmt rasant zu. Foto: reuters

PEKING. Für Mirko Winter begann der Einstieg ins China-Geschäft ohne eigenes Zutun. „Irgendwann vor drei Jahren bekam ich einen Anruf von einem Vertreter eines Unternehmens aus China“, erinnert sich der Geschäftsführer der Anlagenbau Umwelt+ Technik (AU+T) in Chemnitz, einem Hersteller von Entsorgungs- und Recyclinganlagen für Elektroschrott und Haushaltsgeräte. Ein Mitarbeiter der Pekinger Sumstar-Gruppe fragte ihn, wie seine Maschinen funktionieren, was sie kosten und vor allem, wie schnell er liefern kann. Sumstar, eine Investmentgesellschaft, die in China Krankenhäuser plant und realisiert, wollte in größerem Stil Recyclinganlagen für medizinische Geräte kaufen. Nachdem Winter in mehreren Präsentationen die Produkte seines Hauses vorgestellt hatte, entschieden die Chinesen, bei AU+T zu kaufen.

Seitdem hat Winter die Chinaaktivitäten seines Unternehmens kräftig erweitert. In Peking unterhält AU+T inzwischen eine Niederlassung mit zwei Mitarbeitern. Der Chef selbst ist sechs- bis siebenmal im Jahr vor Ort, um nach neuen Kunden Ausschau zu halten. Mit Erfolg: So sind die Deutschen mit dem weltweit operierenden Haushaltsgerätehersteller Haier aus Qingdao im Nordosten Chinas im Gespräch. „Die Zeichen stehen auf Expansion.“

So wie AU+T wittert derzeit die gesamte deutsche Umweltbranche das große Geschäft im Reich der Mitte. Chinas Nachholbedarf beim Umweltschutz ist in der Tat gewaltig. Viele Städte und Landstriche haben knapp ein Jahr vor den Olympischen Spielen eine verheerende Umweltbilanz.

Von den 20 Großstädten mit der weltweit schlechtesten Luftqualität liegen 16 in China. Die Menschen in der Hauptstadt Peking etwa haben im Jahr bis zu 300 Smogtage zu verkraften. An manchen Tagen ist der Smog so dicht, dass man keine 150 Meter weit gucken kann. Vor allem im kalten Pekinger Winter, wenn die Heizungen auf Hochtouren laufen, halten sich die Menschen morgens auf dem Weg zur Arbeit ihre Schals vor Mund und Nase. Zu beißend ist der Gestank nach verbrannter Kohle und Autoabgasen. Auf sieben Fahrspuren für jede Richtung quälen sich die Autos mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern über Pekings Ringstraßen und stoßen dicke schwarze Wolken in den schmutzigen Pekinger Himmel.

Auch viele Flüsse, Kanäle und Seen sind zu siechenden Kloaken verkommen, weil Industrieunternehmen sie oft als billigen Abfluss für ihre Abwässer nutzen. Sieben der neun größten Seen des Landes sind nach Angaben der Regierung „total verschmutzt“. Was früher Wasser war, ist oftmals nicht mehr als eine schwarze, dickflüssige Brühe. Wer einen Stein hineinwirft, hört kein Plätschern mehr. Nach chinesischen Angaben haben 350 Millionen Einwohner keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Im Juli dieses Jahres etwa waren 200 000 Menschen in der Provinz Jiangsu für zwei Tage von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Grund: Statt der maximal zulässigen 0,48 Milligramm pro Liter, lag der Gehalt an Ammonium-Stickstoff bei 28 Milligramm je Liter. Aus den Wasserhähnen kam nur noch eine schwarze, stinkende Brühe.

Die fortschreitende Zerstörung der Umwelt hat inzwischen ernste Folgen für die Gesundheit der Menschen. In manchen Städten haben Krankheiten wie Bronchitis, Lungenentzündungen und Lungenkrebs stark zugenommen. Zahlreiche Kinder sind an Bleivergiftungen erkrankt. Nach Untersuchungen der Weltbank führt die extreme Umweltverschmutzung jedes Jahr zu insgesamt 750 000 frühzeitigen Todesfällen.

Die massive Verschmutzung der Umwelt bedroht inzwischen auch die wirtschaftliche Entwicklung. Zwar gibt es keine genaue Zahlen, doch schätzen Experten, dass die Umweltzerstörung das Land jedes Jahr zwischen fünf und acht Prozent seiner Wirtschaftsleistung kostet.

Auch deshalb ist die Regierung fest entschlossen, das Problem anzugehen. Sie hat im vergangenen Jahr strenge Gesetze zum Schutz der Umwelt erlassen. Die Vorschriften für Industriebetriebe zum Ausstoß von Abgasen etwa gehören heute zu den schärfsten der Welt.

Das eröffnet deutschen Unternehmen ganz neue Chancen. So will China die installierte Leistung bei Windenergie von derzeit 2600 auf 30 000 Megawatt mehr als verzehnfachen. Die aktuelle Kapazität des Weltmarktführers Deutschland liegt bei 22 000 Megawatt. Vom potenziellen Milliardengeschäft mit der Windkraft will auch der deutsche Windkraftanlagenhersteller Nordex profitieren.

Als Nordex vor fast zehn Jahren mit einer kleinen China-Repräsentanz startete, lief das Geschäft nur schleppend. Inzwischen hat das Geschäft gewaltig angezogen. Grund ist ein neues Gesetz, das die chinesische Regierung im vergangenen Jahr verabschiedet hat. Demnach müssen alle Stromerzeuger ab 2010 mindestens fünf Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Energiequellen produzieren. Nun beginnen die Unternehmen in größerem Stil bei Nordex zu bestellen. Im vergangenen Jahr konnte Nordex bereits 30 Windräder nach China verkaufen, in diesem Jahr werden es rund 80 sein. Um mit der steigenden Nachfrage mitzuhalten, errichtete Nordex im vergangenen Jahr vor Ort Fabrikationsstätten mit einer Jahreskapazität von 150 Anlagen. Die Mitarbeiterzahl stieg von 40 auf gut 300. Auch die Inge AG, ein Mittelständler aus dem bayrischen Greifenberg, sieht gute Chancen im China-Umweltgeschäft. Das Unternehmen hat sich auf Module und Membranen für Wasserfilter spezialisiert. Die Technologie setzen vor allem Stahl- und Chemiekonzernezur Wasseraufbereitung ein. Die Inge AG ist seit fast drei Jahren in China, im vergangenen Jahr konnte sie zehn Aufträge an Land ziehen. Ihr Umsatz in China wächst zweistellig und trägt einen immer größeren Teil zum Gesamtumsatz bei.

Erst kürzlich sicherte sich das kleine Unternehmen einen Großauftrag. Die Deutschen werden den chinesischen Hausgerätehersteller Midea aus der südchinesischen Provinz Guangdong mit sogenannten Ultrafiltrationsmodulen beliefern. Diese baut Midea in Wasserfilter ein, die an die zentralen Hauswasserzuleitungen von Wohnblöcken und Häusern angeschlossen werden. Die Bewohner haben dadurch im ganzen Haus sauberes Trinkwasser. Das Auftragsvolumen mit Midea liegt bei über einer Million Euro und wird nach Schätzungen von Midea in den nächsten Jahren auf etwa acht Millionen Euro steigen.

Die Auftragslage in China könnte für deutsche Anbieter wie Inge, Nordex oder AU+T kaum besser sein. Die deutsche Umweltindustrie ist die stärkste der Welt, sie liegt mit knapp 17 Prozent Weltmarktanteil vor den USA und Japan. Im Jahr 2005 verkaufte Deutschland weltweit Umweltschutztechnik für insgesamt rund 60 Milliarden Euro. Rund vier Prozent des Gesamtumsatzes der deutschen Industrie entfallen auf die Umweltbranche. Dieser Anteil dürfte Schätzungen zufolge bis zum Jahr 2030 auf 16 Prozent steigen. „Mit der Umweltindustrie bildet sich eine neue Leitindustrie heraus, die die klassischen Branchen wie den Maschinenbau oder den Fahrzeugbau mittelfristig überflügeln wird“, prophezeit der Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Matthias Machnig.

Vor allem in Sachen Umwelteffizienz ist Deutschland im internationalen Vergleich gut positioniert. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln gehört die Bundesrepublik zu den Ländern mit der höchsten Effizienz. Nur 6 von 30 untersuchten Industrieländern verbrauchen weniger Ressourcen für ein vergleichbares Wirtschaftswachstum. Dazu zählen Irland, die Schweiz und Dänemark. Die USA oder Kanada hingegen landeten auf den Plätzen 23 und 27.

Deutschland sei es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, Wirtschaftswachstum und den Verbrauch von Umweltressourcen zu entkoppeln, zieht IW-Experte Hubertus Bardt Bilanz und verheißt für die Zukunft: „Die Technik, mit der Deutschland diese Effizienz erreicht, hat das Zeug zum Exportschlager.“

Darüber freuen sich deutsche Großunternehmen wie Siemens, deren effiziente Kohlekraftwerke die Energieversorgung Chinas revolutionieren könnten. Oder der westfälische Entsorgungsgigant Remondis, der in Europa, Asien und Australien die Abfälle von rund 20 Millionen Menschen recycelt. Aber auch unzählige deutsche Mittelständler wie etwa IDV, ein hessischer Hersteller von Energiesparlampen.

Dagegen setzt der Chemie-Konzern BASF auf Effizienzsteigerung durch Beratung: Ein eigener Geschäftsbereich bietet für sämtliche Branchen Öko-Effizienz-Analysen von Produktionsabläufen an. Über 300 Analysen hat das Unternehmen seit 1996 durchgeführt. Die Beratungskosten amortisierten sich für den Kunden oft schon nach einem Jahr durch den niedrigeren Ressourcen- und Energieverbrauch.

Trotz aller Sparbemühungen braucht China aber in Zukunft mehr Energie - und das bei möglichst geringem Kohlendioxid-Ausstoß. Auch hier hat die deutsche Industrie einiges zu bieten: Neben Windrädern von Nordex, Enercon und Repower, Biogasanlagen von Lurgi, Wasserkraftwerke aus dem Hause Voith Siemens Hydro Power Generation, Solarzellen von Conergy und Solarworld, Solarthermie made by Viessmann, Wasserstofftechnik von Linde - alles Entwicklungen, mit denen deutsche Anbieter weltweit führend sind.

Einfach ist das China-Geschäft jedoch nicht. Sorgen bereitet den deutschen Unternehmen vor allem das ungezügelte Kopieren chinesischer Wettbewerber. „Jede Technik, die man in China anbietet, sollte man auch dort patentieren lassen“, rät darum AU+T-Chef Winter, „ansonsten kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass ganz schnell Plagiate auftauchen.“ Trotzdem sei es ratsam, in China immer die neueste Technologie anzubieten, diese aber im Hinterkopf schon weiterzuentwickeln. Winter: „So sichert man sich langfristig Kunden.“

Nicht nur Urheberrechtsverletzungen, auch die chinesische Lokalpolitik behindert bisweilen die Geschäfte der Deutschen. „Die Umweltgesetze der Regierung sind alle hervorragend“, lobt AU+T-Chef Winter, „das Problem ist die laxe Umsetzung.“ In der Praxis kümmern sich bisher nur wenige chinesische Firmen um die Auflagen und Gesetze zum Umweltschutz aus Peking. Auf taube Ohren stoßen oft die Appelle der Zentralregierung an die Unternehmen in den Provinzen und Städten, den Ausstoß schädlicher Abgase zu verringern und keine giftigen Abwässer mehr in Flüsse und Seen zu leiten.

Ungerührt genehmigen die Politiker in Kreisen und Kommunen, die eigentlich die Einhaltung der strengen Vorschriften überwachen müssten, immer neue Fabriken, auch wenn diese gegen die nationalen Umweltgesetze verstoßen. Mit Anordnungen, teure Anlagen zur Rauchgasentschwefelung oder Filteranalgen einzubauen will niemand die Firmenbosse belästigen - Hauptsache die Wirtschaft brummt. Denn noch immer werden die Lokalpolitiker an den Wachstumszahlen gemessen: Umso höher das ist, umso größer ist ihre Chance, in der Parteihierarchie aufzusteigen.

Die Regierenden in Peking verlieren darum allmählich die Geduld, sie wollen den lokalen Klüngel zwischen Wirtschaft und Politik zulasten der Umwelt nicht länger hinnehmen. „Mit den herkömmlichen administrativen Methoden und Verordnungen kommen wir bei der Bekämpfung unserer Umweltprobleme offenbar nicht mehr weiter“, wetterte kürzlich Pan Yue, stellvertretender Direktor der State Environmental Protection Administration (Sepa), Chinas oberster Umweltbehörde. Pan, der in China wegen seiner offenen Worte populär ist, stellte 38 Unternehmen in acht Städten an den Pranger, weil sie trotz strenger Verbote weiter ungeklärte Abwässer in Flüsse leiten. In China, wo die Wahrung des Gesichts immer noch oberstes Prinzip und öffentliches Bloßstellen eigentlich tabu ist, ein ungewöhnlicher Schritt. „In diesen acht Städten dürfen keine Unternehmensansiedlungen mehr genehmigt werden“, verkündete Chinas prominentester Umweltpolitiker weiter. Für Pan geht es beim Kampf gegen die Umweltverschmutzung inzwischen ums Ganze: Er sei auch ein Test für die Fähigkeit Pekings, zu regieren und makroökonomische Kontrollen durchzusetzen.

AU+T-Geschäftsführer Winter glaubt, dass die Zentralregierung diesen Kampf gewinnen und sein Unternehmen weiter in China expandieren wird. Den Umsatzanteil in China will der Mittelständler schon bald auf 20 Prozent ausbauen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

0 Kommentare zu "Umweltschutz in China: Saubere Perspektive"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%