Verpackungsmüll Werden die Verbraucher mit Bioplastik getäuscht?

Eine Folie hier, ein Kunststoffbeutel da - Einkaufen ohne Verpackungsmüll ist schwer. Dass Hersteller zunehmend biologisch abbaubare Verpackungen anbieten, freut viele Verbraucher. Doch ist das wirklich umweltfreundlich?
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Die Kapseln sollen die weltweit ersten sei, die in Nespresso-Maschinen funktionieren. Quelle: dpa
Kaffeekapseln aus Papier

Die Kapseln sollen die weltweit ersten sei, die in Nespresso-Maschinen funktionieren.

(Foto: dpa)

Berlin/Bremen Umweltfreundliche Produkte sind beliebt. Beschreibungen wie ökologisch und biologisch geben Verbrauchern ein gutes Gefühl. In Zeiten, in denen Land und Meer unter riesigen Mengen Müll leiden, rücken Verpackungen in den Fokus. Immer mehr Unternehmen werben mit angeblich umweltfreundlichem Bioplastik oder kompostierbaren Behältern.

Die Firma Velibre aus Bremen zum Beispiel verkauft biologisch abbaubare Kaffeekapseln für Nespresso-Maschinen. Solche Kaffeeautomaten werden nach Angaben der Firma Nestlé in mehr als 60 Ländern verwendet und von Stars wie George Clooney beworben. „Herkömmliche Kaffeekapseln produzieren eine gigantische Menge Müll“, sagt Velibre-Sprecher Walter Hasenclever. „Unsere Kapseln bestehen vollständig aus Rohstoffen, die sich im Erdboden oder im Kompost biologisch abbauen“, heißt es auf der Homepage.

Plastik vermüllt die Arktis
Plastikmüll in der Arktis
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Das Müllproblem der Menschheit hat längst auch die abgelegensten Regionen der Erde erreicht. Selbst auf dem Grund des arktischen Ozeans sammeln sich Glasscherben, Plastiktüten und weggeworfene Fischernetze, wie Forscher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven in einer aktuellen Studie berichten. (Foto: Melanie Bergmann, OFOS)

Plastikmüll am Meeresboden
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Seit 2002 dokumentieren AWI-Wissenschaftlerinnen den Müll an zwei Messpunkten im sogenannten AWI-Hausgarten. Dabei handelt es sich um ein Tiefsee-Observatorium des Alfred-Wegener-Instituts, das aus 21 Messstationen in der Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen besteht. (Foto: OFOS/James Taylor)

Plastikmüll auf dem arktischen Meeresboden
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Die Ergebnisse der Langzeitstudie wurden nun veröffentlicht: Seit Beginn der Messung wurden auf insgesamt 7058 Fotos 89 Müllteile entdeckt. Die Ergebnisse aus dem relativ kleinen Gebiet, das von den Kameras beobachtet werden kann, rechnete das AWI-Team dann auf eine größere Fläche hoch. (Foto: Melanie Bergmann, OFOS)

Reste eines Fischernetzes
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Mit dieser Methode kamen die Forscher für den Untersuchungszeitraum von 2002 bis 2014 auf einen Durchschnittswert von 3485 Müllteilen pro Quadratkilometer. (Foto: Melanie Bergmann, OFOS)

Müll auf dem Grund der Framstraße
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Gerade in den letzten Jahren zeigt die Mülldichte allerdings einen deutlichen Aufwärtstrend. 2011 lag die berechnete Verschmutzung bei 4959 Müllteilen pro Quadratkilometer, im Jahr 2014 erreichte sie mit 6333 Müllstücken pro Quadratkilometer den Höchstwert für den Untersuchungszeitraum. (Foto: Melanie Bergmann, OFOS)

Dramatische Situation
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Besonders dramatisch war die Situation an der nördlicheren Messstation. Hier stieg die Verschmutzung in den Jahren von 2004 bis 2014 um mehr als das 20-fache. (Foto: Melanie Bergmann, OFOS)

Glasmüll in der arktischen Tiefsee
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Die Forscher entdeckten vor allen Dingen Plastikmüll und Glas. Letzteres driftet nicht über größere Distanzen, sondern sinkt sofort an Ort und Stelle auf den Meeresgrund. Vermutlich sorgte hier die Zunahme des Schiffsverkehrs in der Region für die wachsende Verschmutzung. (Foto: Melanie Bergmann, OFOS)

Das klingt gut, doch wer genauer liest, erfährt, dass der Abbau der Kapseln von vielen Bedingungen wie Temperatur und Umgebung abhängt. In Laboruntersuchungen bei Raumtemperatur zeigte sich demnach, dass die Kapseln nach acht Monaten fast vollständig zersetzt waren. „Das ist zu lange“, sagt die studierte Biotechnologin Petra Weißhaupt vom Umweltbundesamt. „Streng genommen muss dieses Produkt in die schwarze Tonne, in den Restabfall.“ In industriellen Anlagen dauert die Kompostierung des Biomülls in der Regel maximal zwölf Wochen.

Auch Velibre hat das inzwischen erkannt und eine Kapsel aus Papier entwickelt, die dem Unternehmen zufolge zu 100 Prozent kompostierbar ist und sich innerhalb weniger Wochen zersetzt. Die Kapsel, die bis Ende März 2018 auf den Markt kommen soll, besteht aus Zuckerrohrfasern, die unter Zugabe von Wasser und natürlichem Bindemittel zu einem feinen Brei gemahlen und in Form gepresst werden. „Wir sind sicher, dass wir eine umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichen Kaffeekapseln gefunden haben“, sagt Sprecher Hasenclever. „Der Markt für Kaffeekapseln wächst. Ich glaube, dass dieser Trend nicht aufzuhalten ist.“

Für Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sind kompostierbare Kapseln eine große Verbrauchertäuschung. „Grundsätzlich kann es nicht ökologisch sein, Kaffee grammweise zu verpacken“, sagt der Umweltwissenschaftler aus Berlin. „Die angeblich ökologischen - weil biologisch abbaubaren - Kaffeekapseln verändern nichts an der Umweltschädlichkeit eines ressourcenfressenden, klimaschädigenden und unnötigen Verpackungssystems“, sagt Fischer. „Mit Umweltschutz hat das rein gar nichts zu tun.“

Ähnlich kritisch sehen Umweltbundesamt (UBA) und Deutsche Umwelthilfe Biokunststoffe. „Immer größer werdende Mengen kurzlebiger und ressourcenvergeudender Wegwerfverpackungen sollen durch den Einsatz von Biokunststoffen legitimiert werden“, kritisiert Fischer. Genau wie die Experten des Umweltbundesamtes betont er, dass die Ökobilanz von Biokunststoffen bislang keineswegs besser ist als die von Plastik aus fossilem Rohöl. Während herkömmliche Verpackungen im Gelben Sack landen und recycelt werden können, würden viele Biokunststoffe vor dem Kompostieren in einer Anlage aussortiert und letztlich verbrannt. Zudem benötigt der Anbau von Mais, Kartoffeln oder Zuckerrohr für Bioplastik nicht nur Sprit und Dünger, sondern oft auch Pestizide, wie das UBA betont. Nach der Ernte müssten die Pflanzen noch verarbeitet werden, was auch zu Umweltbelastungen führe. Der Dünger könne Gewässer verschmutzen.

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