Wachsende Bedeutung: Flüssiges Gas verbindet die Märkte

Wachsende Bedeutung
Flüssiges Gas verbindet die Märkte

Nach Einschätzung von Unternehmen und Experten wird der LNG-Handel international immer wichtiger. Denn das Flüssiggas ist nicht auf Pipelines angewiesen und deshalb am Markt viel flexibler. Doch so interessant der Bereich ist, so komplex und hart umkämpft ist er auch.

BERLIN. Die Bedeutung von verflüssigtem Erdgas (LNG) für den europäischen Energiemarkt wird in den kommenden Jahren deutlich zunehmen. Allerdings hat das LNG-Geschäft seine Tücken. Der scheidende Eon-Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann sprach gestern auf der Handelsblatt-Jahrestagung Energiewirtschaft von einem „globalen Markt mit brutalem Wettbewerb“. Eine Hürde für den Einstieg in das LNG-Geschäft sind außerdem die nötigen Investitionen dar.

Der weltweite Gasmarkt ist stark zersplittert: Die Verbraucher sitzen in Nordamerika, in Nordasien und Europa, die Erzeuger vor allem in Russland, im mittlereren Osten, im eurasischen Raum und zu einem kleineren Teil in Afrika und Südamerika. Es ist ökonomisch wenig sinnvoll, mittels Anpassung in der Gasförderung oder im großräumigen Pipeline-Transport auf die unterschiedlichen Anforderungen der Hauptverbrauchsmärkte zu reagieren. Hier sehen Fachleute eine große Chance für das flüssige Gas: „LNG-Schiffe verbinden flexibel Angebot und Nachfrage. Sie bringen das Gas da hin, wo es am dringendsten benötigt wird“, sagt Stefan Judisch, Chef von RWE Gas Midstream. LNG kann somit einen wichtigen Beitrag leisten, um die internationalen Märkte zu vernetzen. Wachsen die bisher rein regionalen Märkte mittels LNG zusammen, dürften sich auch die Preise annähern.

Diese Scharnierfunktion wird aus Sicht von Manfred Wiegand, Rohstoff-Experte bei der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC), in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. „Als schwimmende Pipeline verschafft LNG allen Marktteilnehmern zusätzliche Flexibilät“, sagt Wiegand. Und die wird in wachsendem Maße benötigt. Die Gründe dafür: Einer Prognose der EU-Kommission zufolge steigt die Gasimportabhängigkeit der EU-Staaten zusammen mit Norwegen und der Schweiz von 38 Prozent im Jahr 2005 auf 60 Prozent bis 2030. Parallel etablieren sich mit China und Indien neue Nachfragemärkte, während die Vorkommen in Europa und Nordamerika ihren Zenit überschreiten. Die Verbrauchsmärkte werden sich daher intensiv um neue, auch kurzfristig verfügbare Bezugsmöglichkeiten bemühen. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) geht davon aus, dass sich das LNG-Volumen von 2005 bis 2010 nahezu verdoppeln wird. Rund 40 Prozent des globalen Angebotszuwachses beim Gas werden nach IEA-Prognose auf flüssiges Gas entfallen.

Wiegand rechnet damit, dass das LNG-Marktvolumen, das 2005 noch 190 Mrd. Kubikmeter betrug, im Jahr 2015 bereits bei 500 Mrd Kubikmeter liegt. Allein die Importe der USA werden sich nach Ansicht von Wiegand innerhalb dieses Zeitraums vervierfachen und 2015 bereits 75 Mrd. Kubikmeter betragen.

Trotz der durchaus rosigen Perspektiven für LNG bleiben Unsicherheitsfaktoren bestehen. So ist die Verflüssigung von Gas zwischen Mitte der 1970-er Jahre und 2000 durch technischen Fortschritt zwar deutlich billiger geworden. Doch seitdem steigen die Kosten für die Produzenten wieder stark an. Im vergangenen Jahr war die Verflüssigung von Erdgas so teuer wie nie zuvor. Hintergrund sind die knappen Kapazitäten: „Die Verflüssigung entwickelt sich zum Flaschenhals der Wertschöpfungskette“, sagt Wiegand. Rasche Abhilfe ist nicht in Sicht: Wegen des weltweiten Booms im Anlagenbau sind die Kapazitäten bei Planern und den Herstellern von Verflüssigungsanlagen knapp. Das Preisniveau lässt potenzielle Investoren zögern.

Ohnehin sind die Einstiegsbarrieren hoch: „Wegen der hohen Investitionskosten eignet sich das Geschäft nur für international agierende Ölmultis oder für große staatliche Energiegesellschaften“, sagt Wiegend. Derzeit hat nach Angaben Wiegands noch kein Player die komplette Wertschöpungskette im Griff. Die deutschen Energieversorger mahnt Wiegand, sich rechtzeitig ihren Platz im LNG-Geschäft zu sichern. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern verfügt Deutschland derzeit nicht einmal über ein LNG-Terminal.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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