Wachsende Proteste
Klimaschutz setzt Versorger unter Druck

Die Energieversorger tun sich schwer mit Investitionen in neue Kohlekraftwerke. Grund sind politische Unwägbarkeiten und wachsende Proteste in der Bevölkerung. Damit bleibt Strom bleibt knapp - und teuer.

BERLIN. Noch vor anderthalb Jahren, kurz nach dem ersten Energiegipfel bei Bundeskanzlerin Angela Merkel im Frühjahr 2006, hatte es so ausgesehen, als würde schon sehr bald die große Erneuerungswelle im Bereich der Kohlekraftwerke über Deutschland hinweg rollen. Neue Kapazitäten in einer Größenordnung von 30 000 Megawatt waren im Gespräch. Nach Schätzungen aus der Branche wird davon jedoch bis Ende 2012 lediglich rund ein Drittel Realität. Mit diesem Wert kalkuliert auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD). Er geht von neun neuen Kohlekraftwerken aus.

Umweltschützer rechnen anders. Sie nehmen jeden angekündigten Neubau eines Kraftwerks für bare Münze und gehen daher davon aus, dass in Deutschland der Bau von 25 neuen Kohlekraftwerken bevorsteht. Greenpeace leitet daraus gravierende Auswirkungen für das Klima ab: Die neuen Kraftwerke stünden für 140 Mill. Tonnen Kohlendioxid pro Jahr und würden die Bemühungen der Bundesregierung zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen konterkarieren, rechnet die Umweltschutzorganisation vor. Zum Vergleich: Der Allokationsplan für die zweite Emissionshandelsperiode, die im kommenden Jahr beginnt, deckelt die Emissionen von Energieerzeugern und den zur Teilnahme am Handel verpflichteten Industrieanlagen auf insgesamt gut 450 Mill. Tonnen Kohlendioxid jährlich.

Die Einschätzung der Branche und des Umweltministers, dass es gar nicht erst zum Neubau neuer Kohlekraftwerke kommt, teilt Greenpeace nicht. "Wozu sollte jemand Kraftwerke planen, wenn er am Ende kein ernsthaftes Interesse daran hat, sie auch zu bauen?" fragt Greenpeace-Klimaexpertin Gabriela von Goerne. Man gehe daher davon aus, dass die geplanten und zum Teil auch genehmigten Kraftwerke am Ende auch gebaut würden. "Sollte allerdings Herr Gabriel mit seiner Kalkulation von neun Kraftwerken Recht behalten, dann freuen wir uns", sagte von Goerne.

Aus Sicht der Branche verkennt die Greenpeace-Kalkulation die Realität. Viele Unwägbarkeiten könnten dazu führen, "dass zahlreiche der angekündigten Projekte wohl nicht realisiert werden", sagt Henning Rentz, Leiter Politik beim Energiekonzern RWE. Für die Struktur der Energieerzeugung in Deutschland hätte dies enorme Konsequenzen: Braun- und Steinkohle stehen für rund 45 Prozent der Stromproduktion. Sollte die Kohle als tragende Säule wegbrechen, müssten Alternativen wie etwa Erdgas verstärkt zum Einsatz kommen. Beim Erdgas jedoch sind sowohl Preis als auch die große Abhängigkeit vom Hauptlieferanten Russland nicht unproblematisch. Die Erneuerbaren wiederum sind nicht nur im Moment noch zu teuer; sie taugen derzeit noch nicht für die Grundlastversorgung, weil ihr Aufkommen stark schwankt.

Zu den besagten großen Unwägbarkeiten für die Kohle zählt etwa der Emissionshandel. Schon jetzt ist klar, dass die Zertifikate nach dem Auslaufen der zweiten Handelsperiode Ende 2012 knapp werden. Bereits Ende Januar wird die EU-Kommission ihre Pläne für die Zeit nach 2012 skizzieren. Für die Energiebranche bedeutet das nichts Gutes: "Kein Energiekonzern kann sich ernsthaft Hoffnungen machen, auch in Zukunft noch viele Zertifikate geschenkt zu bekommen. Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit nach 2012 eine weitere Verknappung der Zertifikate geben", sagt Friedrich Seefeldt, Energieexperte beim Prognos-Institut.

Seite 1:

Klimaschutz setzt Versorger unter Druck

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%