Welthandel
Der unterschätzte Klimakiller

Die globalen Handelsströme sind für fast ein Viertel der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Eine Änderung ist nicht in Sicht - auch weil Schwellenländer um ihre Chancen fürchten.
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Genf/BerlinWer an den Ausstoß von Treibhausgasen denkt, dem schweben meist Bilder qualmender Auspuffe oder rauchender Kraftwerksschlote vor. Andere Ursachen des Klimawandels lassen sich schwerer illustrieren – sie sind aber nicht minder gewichtig: Einen besonders großen „Fußabdruck“ hinterlässt der wachsende Welthandel.

Die gewaltigen Gütermengen, die täglich auf Containerschiffen, auf Zügen und in Lkw sowie in Flugzeugen um den Globus bewegt werden, sind eine enorme Belastung für die Atmosphäre. Knapp ein Viertel aller schädlichen Emissionen seien auf die internationalen Warenströme zurückzuführen, erklärt Ulrich Hoffmann, Klimaexperte bei der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf.

Am Dienstag legt die Globale Wirtschafts- und Klimakommission am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York ihren Bericht zu einer „neuen Klimaökonomie“ vor. Dabei dürften auch Fragen des Welthandels eine Rolle spielen. Denn dieser Kernbereich der Globalisierung ist seit Jahrzehnten einer der Hauptmotoren des Wachstums.

Über den gesamten Zeitraum von 1950 bis 2007 hat der internationale Handel nach Daten der Welthandelsorganisation WTO im Schnitt um 6,2 Prozent pro Jahr zugelegt. Der Anteil des Welthandels an der globalen Wirtschaftsleistung lag vor sieben Jahren bei 21 Prozent –  fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren es gerade einmal 5,5 Prozent.

So wichtig Handel für Wohlstand ist: Sein schierer Umfang steigert die Emissionen nicht nur, weil der Transport von Gütern den Verbrauch fossiler Treibstoffe erhöht. Immerhin nimmt der Treibhausgas-Ausstoß derzeit in keiner anderen Branche so stark zu wie in der Logistik. „Noch größer sind die indirekten Effekte“, warnt Hoffmann aber.

Da ist zum einen das, was Ökonomen als den sogenannten Skaleneffekt bezeichnen: Mehr Handel ermöglicht die Ausnutzung von Größenvorteilen bei Produktion und Absatzmärkten, insgesamt also mehr ökonomische Aktivität – und damit mehr Emissionen. Das sollten die Begrenzungen der Emissionsrechte durch das Kyoto-Abkommen eigentlich verhindern. Doch tatsächlich ist dies nicht der Fall – weil der Preis pro Tonne CO2 niedrig ist, aber auch, weil teils unfair abgerechnet wird.

Denn wenn etwa ein in Deutschland gekauftes Handy in China hergestellt wird, werden die angefallenen Emissionen China und nicht Deutschland zugeschlagen. „So kann man sich seine Emissionen schön rechnen, und das machen viele Industrieländer auch“, sagt Hoffmann.

Die Bundesrepublik „importiert“ so beispielsweise 42 Prozent ihrer Emissionen, demgegenüber stehen 25 Prozent bei den Exporten. Unterm Strich bleiben Emissionsmengen, die Hoffmann zufolge eigentlich Deutschland angerechnet werden müssten. Doch das werden sie nicht.

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