Weltklimagipfel
Heimspiel für Al Gore

Al Gore musste viele tausend Meilen zurücklegen. Hier, auf dem Weltklimagipfel in Bali, kennen alle seine Botschaft und die meisten sind auch voll und ganz seiner Meinung – bis auf die Politiker und Diplomaten, die die Position der USA vertreten. Gore greift sein Heimatland gezielt an und appelliert an seine Anhänger, nicht locker zu lassen.

NUSA DUA. Das Timing ist perfekt. Am Donnerstagabend, einen Tag vor dem geplanten Abschluss, befindet sich der Weltklimagipfel in seiner bislang schwierigsten Phase. Die Amerikaner und einige wenige andere Industrieländer lehnen es seit vielen Verhandlungstagen vehement ab, konkreten Zielen zur Reduktion der Treibhausgase zuzustimmen. Die Europäer führen die Riege der Befürworter konkreter Ziele an. Diverse Kompromisslösung wurden bereits verworfen, ein Durchbruch ist nicht absehbar. Was die Klimaschützer jetzt gut gebrauchen können, ist Zuspruch. Den kann der frühere US-Vizepräsident, seit kurzem Friedensnobelpreisträger, ihnen bieten. Al Gore stellt die ganz großen Zusammenhänge her, er beruft sich in seiner rund 50-minütigen Rede auf Mahatma Gandhi, Winston Churchill, Abraham Lincoln, Martin Luther King und Charles Dickens. Seine Botschaft: Wir stehen vor einem Menschheitsproblem, und wer sich nicht an nachfolgenden Generationen versündigen will, muss jetzt handeln. „Das ist keine Frage der Politik, keine Frage der Diplomatie, sondern eine Frage der Moral“, sagt Gore, der gelegentlich an einen Fernsehprediger erinnert.

Applaus brandet auf, als Gore konkreter wird: „Mein eigenes Land ist verantwortlich dafür, dass hier ein Fortschritt blockiert wird.“ Doch Gore macht auch Mut. Er verweist darauf, dass es in den USA bereits eine ganze Reihe von Bundesstaaten und Großstädten gibt, die freiwillig konkrete Schritte zur Reduktion von Treibhaugasen beschlossen haben. Auch weite Teile der Bevölkerung hätten die Dringlichkeit des Problems längst erkannt. Gores Botschaft: Die Bush-Regierung ist nicht Amerika, die Bush-Regierung steht wegen ihrer Klimapolitik auch im eigenen Land isoliert da. Aber Al Gore wäre nicht Al Gore, wenn er nicht über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus dächte: Der Klimaschutz werde sehr bald von einer „weltweiten Massenbewegung“ getragen, sagt er voraus.

Gore schwört seine Zuhörer darauf ein, für ein starkes Mandat zu sorgen. Die Haltung der US-Regierung werde sich nach den Wahlen im nächsten Jahr ändern, da ist er sich sehr sicher. Auch unter den Kandidaten der Republikaner befänden sich solche, die dem Thema Klimaschutz offener gegenüber stünden als Präsident George Bush. Die Delegierten müssten diese Entwicklung in ihrem Abschlussdokument gedanklich vorwegnehmen. Seine Empfehlung an die Gipfelteilnehmer: „Lassen Sie im Abschlussdokument einen großen weißen Platz frei; ergänzen sie eine Fußnote, die besagt, dass das Dokument nicht komplett ist, dass die weiße Stelle aber gefüllt wird.“ Es sei mit großer Wahrscheinlichkeit möglich, die Ergänzung vor dem Klimagipfel Ende 2009 in Kopenhagen nachzutragen.

Gore geht noch einen Schritt weiter. Er fordert die Delegierten des Klimagipfels auf, dafür zu sorgen, dass bereits 2010 das Kyoto-Nachfolgeabkommen in Kraft tritt – und nicht erst nach 2012. Man habe keine Zeit zu vergeuden. Die Wissenschaft gebe der Welt nur zehn Jahre, die Klimawende zu schaffen. „Können wir die Hälfte der Zeit dazu benutzen, um zu reden?“, fragt Gore.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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