Weltklimakonferenz
Traumstrand lockt Klimaschützer

Der Klimagipfel im Sonnenparadies Bali sorgt für Reisefieber unter Europas Parlamentariern und Regierungsvertretern. Allein die deutsche Regierung reist mit fast 70 Klimaschützern an, auch EU-Kommission und Parlament sind mit großen Delegationen vertreten. Wegen der Aufbruchstimmung wäre in Brüssel fast ein wichtiges Umweltvorhaben verschoben worden.

BRÜSSEL. Die Insel Bali ist berühmt für ihre weißen Strände, schillernden Korallenriffe und blühenden Tropenwälder - ein perfektes Ziel für Sonnensucher, die der nasskalten Vorweihnachtszeit überdrüssig sind. Die 20 Europaabgeordneten, die demnächst zur Weltklimakonferenz nach Bali reisen, werden solche Erwägungen selbstverständlich weit von sich weisen. Sie sind vor Ort, so verkündet es der Pressedienst des Parlaments, um den Kontakt zur EU-Kommission zu halten.

Die Brüsseler Behörde wiederum mit Umweltkommissar Stavros Dimas an der Spitze - von der EU mit der Leitung der Gespräche über ein neues Klimaschutzabkommen betraut - ist mit 60 Leuten auf Bali vertreten. Auf ihren Schultern wird die eigentliche Last der zwölftägigen Verhandlungen liegen: Strategieentwürfe schreiben, CO2-Bilanzen durchrechnen und was ein solcher Konferenzmarathon sonst noch an Arbeit hinter den Kulissen erfordert. Die Beamten fürchten, zusätzlich auch noch für die Koordination der vielen Klimaretter aus Europa sorgen zu müssen, sagt ein Kommissionsvertreter leicht verstimmt. Denn neben dem Europaparlament schickt auch jeder der 27 EU-Staaten eine eigene Delegation nach Bali. Allein die deutsche ist fast 70 Mitglieder stark. "Wir werden uns gegenseitig ganz schön auf den Füßen stehen", befürchtet der Kommissionsmann, der diesen bösen Verdacht freilich nicht unter seinem Namen lesen will.

Auch manchem EU-Parlamentarier ist die Völkerwanderung auf Indonesiens "Insel der Götter" suspekt. Dass gleich 20 EU-Abgeordnete nach Bali reisen, sei "völlig übertrieben", kritisiert der CSU-Parlamentarier Markus Ferber. Denn das Europaparlament habe eigens eine Resolution mit seiner Position für die Klimakonferenz verabschiedet. Und die werde nicht dadurch wirkungsvoller, dass man sie in einem 20-stimmigen Chor verkünde. Ferber, der als Haushaltsexperte des Parlaments vor allem die Kosten im Blick hat, ist überzeugt: "Es reicht, wenn eine Hand voll Abgeordneter nach Bali fliegt."

Die gescholtenen Kollegen sehen das natürlich anders. Die Klimakonferenz sei eine einmalige Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen, sagt die grüne Abgeordnete Rebecca Harms. Und CDU-Mitglied Karl-Heinz Florenz ist überzeugt, auf Bali dringend gebraucht zu werden: "Wenn die Verhandlungen zwischen den Regierungen ins Stocken geraten, dann sind wir Abgeordneten wichtige Vermittler." Zudem sei er der Berichterstatter eines Parlamentsreports zum Klimawandel, da müsse er einfach vor Ort sein.

Es ist zu vermuten, dass alle 20 EU-Abgeordneten gerade ihre Anwesenheit als besonders wichtig erachten. Weshalb das Parlamentspräsidium mächtig Druck bekam, als es anfangs die Größe der Klima-Delegation strikt begrenzen wollte. Der Protest wirkte, nach dem D?Hondt-Verfahren wurden am Ende alle Fraktionen mit Tickets nach Bali bedacht. Was freilich zur Folge hatte, dass zu Hause in Brüssel beinah eines der wichtigsten Umweltvorhaben der EU verschoben worden wäre - die zweite Lesung der EU-Feinstaubrichtlinie. Denn die federführende niederländische Abgeordnete Dorette Corbey wollte am Abstimmungstag schon im Flieger nach Indonesien sitzen.

Einem umweltpolitischen Kollateralschaden des Reisefiebers nach Bali sucht auch die Bundesregierung vorzubeugen. Die Kohlendioxid-Emissionen aller Flüge zum Klimagipfel würden durch treibhausgasmindernde Projekte in den Entwicklungsländern kompensiert, lässt Umweltminister Sigmar Gabriel mitteilen. Soll keiner sagen, die 70 deutschen Delegationsmitglieder seien nicht um den Klimaschutz besorgt.

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