Weltstärkste Solaranlage Kamuthi: Indiens Solarkraftwerk der Superlative
Blick auf das Solarkraftwerk von Adani im südindischen Kamuthi. In nur acht Monaten Bauzeit entstand hier die weltgrößte Solaranlage.
Foto: dpaNeu Delhi. 154 Transformatoren, 6000 Kilometer Kabel, 2,5 Millionen Solarmodule und nur acht Monate Bauzeit. Die Zahlen, die die Betreibergesellschaft Adani zum Solarkraftwerk im südindischen Kamuthi bekannt gibt, sind beeindruckend. Seit gut einem Monat wird dort mit einer Kapazität von bis zu 648 Megawatt Strom produziert. Damit hat die Mega-Solaranlage die Topaz Solar Farm in Kalifornien als stärkstes Solarkraftwerk der Welt abgelöst.
Kamuthi steht stellvertretend für die Ambitionen eines Landes, das in den vergangenen fünf bis sechs Jahren eine energiepolitische Kehrtwende vollzogen hat. Abgesehen von Wasserkraftwerken in seinen nördlichen Gebirgen behandelte Indien seine erneuerbaren Energien geradezu stiefmütterlich. Bis 2010 spielten Wind- und vor allem Solarenergie in den Planungen des Landes so gut wie keine Rolle.
Solarzellen können Schadstoffe wie Blei und Cadmium enthalten sein. Wie sehr die Photovoltaik so die Umwelt belastet, wird an der Universität Stuttgart erforscht. Das Projekt "Schadstofffreisetzung aus Photovoltaik-Modulen" soll helfen, die Sonnenenergie wirklich „grün“ zu machen, es wird vom Bundeswirtschaftsministerium mit mehr als 800.000 Euro gefördert.
Foto: dpaIn der Diskussionen um Schadstoffe in Solarmodulen geht es vor allem um Blei und Cadmium. Blei ist im Lötzinn enthalten. Cadmium ist als Cadmiumtellurid in bestimmten Dünnschichtsolarzellen verarbeitet. Beide Schwermetalle können in der Umwelt giftige Wirkung haben.
Foto: dpaDie EU-Richtlinie zur Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten definiert Höchstkonzentrationen. Für Blei liegt der Wert bei 0,1 Prozent am Gesamtgewicht. Für Cadmium, das noch giftiger ist, bei 0,01 Prozent. Allerdings sind Photovoltaikanlagen von der Richtlinie ausgenommen. Trotz heftiger Kritik hatte das EU-Parlament 2010 einer Neufassung der Richtlinie mit großer Mehrheit zugestimmt.
Foto: dpaDie Stuttgarter Forscher haben in einer Studie gezeigt, dass die Schadstoffe durch saure Lösungen aus defekten Modulen freigesetzt werden können. Allerdings wurden die Solarzellen dafür solange zermahlen, bis sie einem Pulver glichen. Michael Koch vom ISWA betont, dabei habe es sich um ein „Worst-Case-Szenario“ gehandelt. „Von intakten Photovoltaikmodulen, die diese Stoffe verwenden, geht keine Gefahr aus“, betont auch eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums.
Foto: dpaKoch betont, dass Löcher etwa durch Hagel wohl nicht ausreichten, um Schaden anzurichten. „Wir wollen nicht sagen, dass die Technologie gefährlich ist. Solange das Modul in Ordnung ist, ist alles gut“, sagt er. Unklar sind die Folgen von Feuer wie bei einem Hausbrand. Laut baden-württembergischem Umweltministerium ist eine Deponierung der Photovoltaikmodule grundsätzlich nicht zulässig. Sollten sie im Ausnahmefall - etwa nach einem Brand - doch auf einer Deponie landen, könnte das die Gefahr einer Auswaschung erhöhen. Allerdings seien die speziellen Deponien für Brandschutt besonders abgedichtet.
Foto: dpaWeltweit sind nach Angaben der Uni mehr als 17 Millionen Tonnen an Modulen installiert. Die Nutzungsdauer werde heute auf 20 bis 25 Jahre geschätzt. Zwar gibt es Recyclingverfahren auch seitens der Hersteller. Die Wissenschaftler sehen aber die Gefahr, dass kaputte oder weniger ertragreiche Module unsachgemäß entsorgt werden könnten: etwa nach weiterer Verwendung in Entwicklungsländern. Dort könnten sie auf wilden Müllkippen landen, warnt IPV-Leiter Jürgen Werner.
Foto: dpaDie meisten Hersteller verwenden noch Blei im Lötzinn. Für Deutschland bezifferte der Bundesverband Solarwirtschaft den Marktanteil aller Dünnschicht-Technologien - von denen aber nicht alle Cadmiumtellurid enthalten - auf rund 1 Prozent.
Foto: obsJa. Früher angeführte Gründe wie günstigere Produktion spielen wegen des technischen Fortschritts keine Rolle mehr. Schon heute gibt es Hersteller, die ohne Blei und Cadmium produzieren.
Foto: dpaBeim europäischen Rücknahme- und Recyclingprogramm PV Cycle verweist man darauf, dass Photovoltaikmodule unter den Geltungsbereich der Richtlinie über Elektro- und Elektronikgeräte-Abfall (WEEE) fallen. Demnach haben die Hersteller und Importeure die rechtliche Verpflichtung, die Rücknahme ihrer Altmodule sicherzustellen. Deutschland hat bislang kein nationales WEEE-Gesetz verabschiedet, laut einer Sprecherin wird dies aber im Laufe dieses Jahres erwartet.
Foto: dpaCadmium ist ein hochgiftiges, krebserregendes Nebenprodukt aus der Zink- und Kupferherstellung. Cadmium lagert sich im Körper an, weshalb schon geringe Mengen im Laufe der Zeit zu einer gefährlichen Belastung werden können. Es ist sowohl im Rahmen der allgemeinen Umwelt als auch bei direkter Einwirkung eine gefährliche Substanz.
Foto: Getty ImagesInzwischen hat sich dieses Bild deutlich gewandelt. Allein im vergangenen Jahr hat das Land seine Erzeugungskapazität für Solarstrom fast verdoppelt auf nun knapp 10 Gigawatt, die Kapazität für Windenergie beträgt inzwischen knapp 29 Gigawatt. Weitere Großprojekte mit einer gemeinsamen Kapazität von knapp 20 Gigawatt für beide Energieträger seien bereits vergeben, heißt es aus dem Ministerium für erneuerbare Energien. Derzeit haben in Indien alle Kraftwerke zusammen eine Kapazität von über 300 Gigawatt.
Das Wachstum von Ökostrom soll sich besonders stark beschleunigen: Bis 2022 sollen in Indien alle erneuerbaren Energien für die Stromversorgung zusammen auf eine Kapazität von 175 Gigawatt ausgebaut werden. „Wenn die Nachfrage nach Strom weiter so schnell steigt, sollte es kein Problem sein, dieses Ziel zu erreichen“, sagt Jeevan Jethani vom Ministerium. „Rechnet man die Baukosten der Kraftwerke mit ein, ist Ökostrom in Indien inzwischen günstiger als konventioneller Strom.“
Bis 2022 sollen in Indien alle erneuerbaren Energien für die Stromversorgung zusammen auf eine Kapazität von 175 Gigawatt ausgebaut werden.
Foto: dpaAllein im vergangenen Jahr hat Indien seine Erzeugungskapazität für Solarstrom fast verdoppelt auf nun knapp 10 Gigawatt.
Foto: dpaRund 2500 Kilometer nördlich vom Solarkraftwerk in Kamuthi befindet sich das Büro von A. K. Gupta. Er ist einer der Chefs der Metro in Neu Delhi und dort zuständig für die Elektrik. „Wir wollen Solarzellen mit einer Kapazität von 50 Megawatt auf den Dächern unserer Stationen und Bürogebäuden installieren“, sagt er. „Zwei Fünftel davon sind schon erreicht.“
Auf die Idee mit den Solardächern hat ihn die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gebracht. Die Deutschen entwickelten zusammen mit den Indern ein Finanzierungsmodell, bei dem die Betreibergesellschaft Geld spart und gleichzeitig die Umwelt schont. Gupta will nun sogar noch weiteren Solarstrom zukaufen, aus einem Kraftwerk im Bundesstaat Madhya Pradesh.
„Mehr als 100 Megawatt gehen aber nicht, auch wenn ich das gerne hätte“, sagt er. „Wir brauchen mehr Übertragungswege für solche Strommengen. Außerdem können wir den Solarstrom nirgendwo speichern.“
Damit spricht er zwei der Probleme an, die die indische Euphorie für erneuerbare Energien doch noch bremsen könnten. Dazu gehören mangelnde Speicherkapazitäten, zu wenige Hochspannungsleitungen, Finanzierungsengpässe und zu wenig Fachpersonal.
Noch kann Indien Schwankungen in der Energieversorgung durch seine hohe Produktion an Kohleenergie ausgleichen. Doch je höher der Anteil von Wind- und Solarstrom wird, desto mehr muss das Land sich über Möglichkeiten Gedanken machen, die Versorgung auch durch Speichersysteme zu stabilisieren – und die sind teuer.
Auch bei der Finanzierung seiner Kraftwerke ist das Land auf Kapital aus dem Ausland angewiesen. Sollten die Zinsen deutlich ansteigen oder das Vertrauen der internationalen Investoren wieder schwinden, lauern auch hier Gefahren für die Ausbaupläne.
„Rund zwei Drittel der Jobs im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien brauchen eine mittlere bis hohe Qualifikation“, sagt Kanika Chawla und weist damit auf ein weiteres mögliches Problem hin. Sie ist Forscherin beim CEEW, dem indischen Rat für Energie, Umwelt und Wasser. „Wir müssen uns heute darum kümmern, dass es genügend Ausbildungsprogramme gibt, wenn das Wachstum anhalten soll.“
An der Lösung des Problems fehlender Leitungen ist eine weitere deutsche Institution beteiligt. Die Entwicklungsbank KfW hat Kredite von gut einer Milliarde Euro für „Green Energy Corridors“ vergeben, die den Ökostrom vom Erzeuger dorthin transportieren sollen, wo er gebraucht wird. Mindestens eine weitere Milliarde fließt im Rahmen der deutsch-indischen Solarpartnerschaft, die zum Beispiel den Ausbau von Solarzellen auf indischen Dächern fördern soll.