Wulf Bernotat, Eon
„Europa braucht eine einheitliche Energiepolitik“

Die Stromnachfrage bricht europaweit ein und bringt die Produzenten in Bedrängnis. Im Handelsblatt-Interview verrät Eon-Chef Wulf Bernotat, welchen Energiemix er Deutschland empfehlen würde, ob Kohle eine Zukunft hat und warum Europa in der Energiepolitik zusammenarbeiten muss.
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Handelsblatt: Herr Bernotat, droht angesichts der Konjunkturkrise ein nachhaltiger Einbruch der Stromnachfrage?

Bernotat: Nein. Vorübergehend wird weniger Strom verbraucht, wenn die Konjunktur lahmt. Wir haben im ersten Quartal aber nur einen relativ moderaten Rückgang von im Schnitt vier Prozent gesehen, bei den Haushaltskunden sogar nur um ein Prozent.

Wie schätzen Sie die Perspektiven für ein international konkurrenzfähiges Stromangebot insbesondere für Deutschlands energieintensive Branchen ein?

Das hängt entscheidend davon ab, ob es uns auch künftig möglich ist, durch einen breiten Energiemix die Ziele der Energiepolitik - vor allem Klimaschutz und Versorgungssicherheit - möglichst kostengünstig zu erreichen. Was speziell die energieintensiven Branchen angeht: Gerade diese Großverbraucher haben besonders gute Chancen, den Wettbewerb der Stromanbieter zu nutzen, um sehr günstige Konditionen zu erreichen. Die Strompreise an der Börse sind seit Juni letzten Jahres um über 40 Prozent gesunken und derzeit so niedrig wie seit 2005 nicht mehr. Das sollte man nutzen, um Verträge abzuschließen.

Und wie steht es um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Kohleverstromung? Drohen Verteuerungen durch Vorgaben der Politik?

Ja, eindeutig. Der CO2-Handel macht Kohleverstromung teurer - und genau das soll er ja auch, um Anreize zur CO2-Einsparung zu geben. Deshalb werden wir Wege finden müssen, die Kohleverstromung klimaverträglicher zu machen. Dazu dient ja unter anderem die Abtrennung und Speicherung von CO2, an der Eon konzernweit arbeitet.

Es gibt mit Joint Implementation oder dem Clean Development Mechanism auch flexible Instrumente der Klimaschutzvorsorge. Sie zielen auf Projekte zur CO2-Einsparung in Entwicklungsländern ab. Werden diese Instrumente von der Politik blockiert?

Wir sollten nicht immer über Hindernisse und Hürden reden, sondern gestalten. Bei den Punkten Joint Implementation und Clean Development Mechanism hat unsere Tochtergesellschaft Eon Climate & Renewables eine globale Strategie entwickelt, nach der wir uns jetzt weltweit engagieren: von Südafrika bis Asien. In einem Zwischenschritt bis zur Einführung eines globalen Emissionshandelssystems spielen die beiden Instrumente eine wichtige Rolle, deshalb sollten sie der europäischen Industrie auch ausreichend zur Verfügung stehen. Ebenso sollten wir weiter am Ziel eines weltweiten Zertifikatehandels arbeiten, gerade im Hinblick auf die Einhaltung eines Erwärmungsziels von maximal zwei Grad Celsius. Der europäische Handel kann hier eine gewisse Vorbildfunktion übernehmen.

Sind nationale Lösungen für den Energiemix vor diesem Hintergrund überhaupt noch sinnvoll oder braucht Europa eine zentral koordinierte Energiepolitik?

Langfristig gehört zu einem einheitlichen europäischen Binnenmarkt für Energie auch eine einheitliche europäische Energiepolitik. Aber noch lassen sich nicht alle energiepolitischen Fragen nur auf europäischer Ebene lösen, auch die Nationalstaaten haben noch ihre Gestaltungsmöglichkeiten. Wir müssen also das eine anstreben und das andere als Realität akzeptieren.

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