Zwei-Grad-Ziel
Der heilige Gral der Klimapolitik

In Berlin beraten Politiker aus 35 Ländern über den Klimawandel. Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen: das Zwei-Grad-Ziel. Für die Politik der Heilsweg aus der Klimafalle, ist die Sache wissenschaftlich längst nicht so klar.
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BerlinNun reden sie also wieder über das Klima. Der Petersberger Klimadialog, zu dem sich aktuell Umweltpolitiker aus 35 Ländern in Berlin versammelt haben, ist das jüngste Glied in einer gefühlt endlosen Kette von Klimakonferenzen, mit denen die Politik auf die Herausforderungen des vom Menschen verursachten Klimawandels zu reagieren versucht.

Vorbereitung des Klimagipfels von Paris steht in Berlin auf dem Programm – und damit auch die Vorbereitung eines neuen Weltklimavertrags, den die Delegierten Ende des Jahres in der französischen Hauptstadt unterzeichnen sollen. Im Mittelpunkt aller klimapolitischen Bemühungen: das Zwei-Grad-Ziel, also die Begrenzung der globalen Erwärmung auf maximal zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit.

Erstmals formuliert von dem US-Ökonomen William D. Nordhaus Mitte der 1970er-Jahre, hat sich das Zwei-Grad-Ziel im Laufe der Jahre zu einer Monstranz entwickelt, die Politiker gerne vor sich hertragen, wenn sie die Bekämpfung des Klimawandels thematisieren. 2009 fand das Ziel Eingang in den Abschlussbericht der Weltklimakonferenz in Kopenhagen, nachdem sich im gleichen Jahr bereits die Staats- und Regierungschefs beim G8-Gipfel im italienischen L’Aquila dazu bekannt hatten.

Spätestens mit diesem Zeitpunkt ist das Zwei-Grad-Ziel zu einem dominierenden Faktor in den öffentlichen Debatten zum Klimawandel geworden. Doch so griffig die Zwei-Grad-Marke auch ist, ihre Bedeutung als Gradmesser für die globalen Klimaveränderungen ist unter Wissenschaftlern keineswegs unumstritten.

„Begrabt das Zwei-Grad-Ziel“ titelten beispielsweise vor wenigen Monaten zwei US-Forscher im Wissenschaftsmagazin „Nature“. Für Charles Kennel, emeritierter Direktor der Scripps Institution of Oceanography in San Diego, und David Victor von der University of California in San Diego ist das Zwei-Grad-Ziel eine „dreiste Vereinfachung“, die „politisch und wissenschaftlich“ in die falsche Richtung führe.

Politisch, weil es Politikern erlaube, sich unverbindlich an einer künftigen Entwicklung abzuarbeiten und so davon abzulenken, dass sie die heute bereits konkret bestehenden Umweltprobleme nicht anpacken. Und wissenschaftlich, weil die globale Durchschnittstemperatur nur bedingt als Indikator für globale Klimaveränderungen tauge. So heize sich etwa die Arktis ungebremst auf, obwohl die Mitteltemperatur der Erde in den vergangenen Jahren kaum anstieg.

Für völlig abwegig halten Kennel und Victor zudem die „heroischen Annahmen“, die den Simulationen zum Zwei-Grad-Ziel zugrunde liegen – also etwa die Vorgabe einer umfassenden und kurzfristig umzusetzenden Zusammenarbeit aller Staaten, um den Ausstoß an Treibhausgasen zu minimieren. Tatsächlich müsste eine solche Zusammenarbeit rasch realisiert werden, denn der Spielraum wird immer enger: Seit dem Beginn der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts sind die globalen Temperaturen bereits um 0,8 Grad Celsius gestiegen. Das Zwei-Grad-Ziel ist also eigentlich nur noch ein 1,2-Grad-Ziel.

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Ein Rezept für die Katastrophe

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