Forschung + Innovation
2004 kommt das neue Fernsehen

Die HDTV-Technik wird sich nach Jahren des Stillstandes endlich etablieren

AXEL POSTINETT
HANDELSBLATT, 30.12.2003
DÜSSELDORF. Am 1. Januar 2004 beginnt eine neue Ära: Das wegen seiner Bildqualität in den USA und Asien längst hoch geschätzte „High Definition Television“ (HDTV), wird mit der Übertragung des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker den Regelbetrieb in Europa starten. Das dabei vom belgischen Sender Euro 1080 verwendete Format bietet 1 920 Bildpunkte in der Breite und 1 080 Linien. Zum Vergleich: Das PAL-TV kommt nur auf 625 Linien. Die Vorteile für Detailreichtum und Bildschärfe liegen auf der Hand.

Nach Jahren des Stillstands geht es Schlag auf Schlag, nachdem am 4. August 2003, Montag morgen um Punkt 8 Uhr eine andere Ära endete: Die letzten analogen Fernsehsender in Berlin wurden abgeschaltet. Die Bundeshauptstadt wechselte unwiderruflich zum digitalen TV. Damit hat sich DVB-T, digitales Fernsehen per Antenne, durchgesetzt.

Der Fernsehmarkt wird sich durch Digitalisierung und HDTV in wenigen Jahren so stark ändern wie wohl zuletzt bei der Einführung des Farbfernsehens, prophezeihen Marktbeobachter. Der Kunde fordert es – und der Rest der industrialisierten Welt hat es schon längst.

Per Satellit werden vorerst allerdings gerade mal rund 2 000 Europäer vier Stunden pro Tag in den Genuss der HDTV-Konserven von Euro 1080 kommen. So viele Digitalreciever sind nach Aussagen des Technischen Directors des Senders, Jack Schapers, bislang verkauft. Das bereits seit neun Jahren ausverkaufte Wiener Musikerlebnis wird über den „Eventchannel“ sogar in eine Hand voll Kinos übertragen, um so zahlende Kundschaft anzulocken. Doch letztlich zweifelt niemand mehr daran, dass das HDTV- Zeitalter 2004 beginnt hat.

Denn digitale Flach-Bildschirme im Kinoformat 16:9 halten bereits Einzug in den Wohnzimmern. Ihr Vorteil: Die Flat-Panels – zentrales Bauteil der Flach-TV – werden weltweit einheitlich hergestellt. Deshalb sind viele der hier verkauften Großbildschirme schon für HDTV geeignet. Panasonic-Sprecher Peter Weber: „Unsere LCD- und die meisten Plasma-TV sind HDTV-fähig“. Die Konsumenten sind erstmals weiter als die TV-Sender.

Schützenhilfe kommt von einer anderen Innovation, die, nach einem Fehlstart 1996, jetzt den TV-Markt revolutioniert hat: Die DVD. Auch sie ermöglicht – in PAL-Auflösung – eine bessere Bildqualität. Immer mehr Filmfreunde genießen zur abendlichen Hauptsendezeit lieber einen Kinohit von DVD als das TV-Programm. DVD ist das Zugpferd für Breitbildschirme, freut sich die Konsumgüterindustrie. Und Breitbild zieht HDTV.

In Japan stehen bereits so genannte Blu-Ray-DVD-Rekorder von Sony in den Regalen. Die Geräte mit dem blauen Laserlicht können mit über 20 Gigabyte Speicherplatz Hollywood-Spielfilme in höchster Qualität aufnehmen. NEC wird auf der CES in Las Vegas im Januar den Prototypen eines kombinierten DVD-/HDTV-Rekorders mit 20 Gigabyte vorstellen. Der könnte schon 2005 für einige hundert Dollar auf den Markt kommen, heißt es. Eine komplett neue Vermarktungsplattform für Hollywood. Sony-Deutschland Sprecher Olaf Pempel: „HDTV wird 2004 für uns ein Thema sein.“

Produzenten, TV-Sender und Kabelanbieter in Deutschland stehen, in die Zange genommen von der technischen Entwicklung und steigenden Ansprüchen der Konsumenten, vor einem Investitionsdilemma. Studiotechnik und Sendeanlagen sind kaum für HDTV ausgerüstet, und die Kassen sind leer. Nur wenige Kabelbetreiber wie etwa Kabel-Baden-Württemberg haben zumindest teilweise vorgesorgt: „Die Einspeisung von Euro 1080 wäre für uns technisch kein Problem“, erklärt Geschäftsführer Georg Hofer. Zumindest in modernisierten Gebieten wie Ludwigsburg gebe es genügend Bandbreite im Digitalkabel. Doch das ist nicht überall so und schon gar nicht in der „Netzebene 4“ – oft betrieben von mittelständischen Wohnungsunternehmen. Da greifen viele Kunden schon heute zur Satellitenschüssel.

Zu wenig sendefähige Programme lässt Martin Kreitl als Hinderungsgrund nicht gelten. Der Geschäftsführer der MKM Production, der den HD-Bereich der Kirch- Gruppe aufgebaut hat, fürchtet eher, das deutsche Produzenten den Anschluss verlieren: „Weltweit wird HDTV-fähiges Sendematerial verlangt.“ Aber in Deutschland wird meist noch im alten Format produziert. „Die BBC produziert schon fast 70 % ihrer Dokumentationen auf HD-Material“, warnt Kreitl. „Die denken international“. Hier gilt das nur bei Prestigeprojekten: Der ZDF-Dreiteiler „Stalingrad“ etwa wurde mit Blick auf den Weltverkauf direkt in HDTV produziert.

Es könnte jetzt alles sehr schnell gehen. „Bei der Fussball-WM 2006 dürften die Asiaten wohl nur noch ein HD-Sendesignal akzeptieren“, schätzt Keitl. Eine Diskussion wie hier, ob zumindest wenigstens mal im „normalen“ Breitformat gesendet werden soll, erscheint vor diesem Hintergrund eher nebensächlich. Bis 2006 könnten TV-Sender und Kabelbetreiber zu ganz anderen Schritten gezwungen sein, wenn sie ihre Kundschaft behalten wollen.

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