33. Soziologentag
„Es gibt keine Tötungshemmung“

Ist in uns eine natürliche Blockade angelegt, die das Töten von Menschen unter normalen Umständen unmöglich macht? Diese und andere Themen beschäftigen den 33. Soziologentag in Kassel. Die Palette der Diskussionen ist breit und spiegelt das gesellschaftliche Leben in der Bundesrepublik.

DÜSSELDORF. Jan Philipp Reemtsma hatte keine positive Botschaft. "Man kann die Vorstellung von einer menschlichen Tötungshemmung endgültig ad acta legen", sagte der Soziologe, Stifter und Geschäftsführende Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung am Montagabend in Kassel. Die Tötungshemmung sei durch Geschichtskenntnis widerlegbar und durch die Verhaltenforschung längst widerlegt. Außerdem stimme es nicht, dass Menschen von Tätern "entmenscht" werden müssten, um sie zu Gewaltopfern zu machen: "Soldaten werden nicht erschossen wie Tiere, sondern als Feinde".

Mit Reemtsmas Vortrag zur "Natur der Gewalt" startete in Kassel ein wissenschaftliches Großereignis: Bis Freitag debattieren rund 1 500 Teilnehmer beim 33. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie über das Thema: "Die Natur der Gesellschaft". Die Palette der Diskussionen ist breit und spiegelt das gesellschaftliche Leben in der Bundesrepublik: Schwerpunkte sind neben dem Gewaltdiskurs sich abzeichnende neue Formen der sozialen Ausgrenzung, Ökologie, demographischer Wandel, Geschlechterdifferenzen und auch Gesundheit.

Warum das Motto "Natur der Gesellschaft"? Weil die Sozialwissenschaften mit ihren Einsichten in die Wirkungsweise zwischenmenschlicher Beziehungen, institutioneller Strukturen und ungleichen sozialen Chancen in die Defensive geraten zu sein scheinen gegenüber der "politischen Hochschätzung der neuen Lebenswissenschaften wie der Hirnforschung, der Biochemie oder der Entwicklungsbiologie", erläutert Gastgeber Heinz Bude, Professor für Makrosoziologie in Kassel. Die Soziologen wollen deshalb das Verhältnis naturwissenschaftlicher und soziologischer Deutungen gesellschaftlicher Prozesse diskutieren, mit dem Ziel "gegenseitiger Korrektur und Anregung".

Die Beschäftigung mit den inneren Zusammenhängen der Gesellschaft boomt: Wie das Statistische Bundesamt vor ein paar Tagen meldete, hat sich in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Absolventen eines Soziologie-Studiums mit einem Plus von 128 Prozent mehr als verdoppelt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%