40 Jahre Mondlandung
Nostalgisch nach der Zukunft im All

Die ersten Schritte auf dem Mond waren der Höhepunkt einer umfassenden Weltraumbegeisterung. Danach kam die große Ernüchterung und der Vormarsch des Kapitalismus ins All. Da kann man schon nostalgisch werden nach der Zukunft, die die Raumfahrt einst versprach.
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DÜSSELDORF. So enthusiastisch wird man vielleicht nie wieder an die Zukunft glauben. Bis zu jenem Tag, genau heute vor 40 Jahren befeuerte das Ziel „of landing a man on the Moon“, das John F. Kennedy seinem Land 1961 in einer berühmten Rede setzte, die Phantasien der Amerikaner und der gesamten Menschheit. Spätestens aber seit dem Ende des Apollo-Programms und der letzten bemannten Mondlandung 1972 war der Zauber verflogen. Und er scheint auch mit den Plänen für eine Landung auf dem Mars nicht zurückzukehren.

Nach dem technologischen Machbarkeitsglauben und der Weltraum-Zukunftseuphorie kam in den 70er Jahren Amerikas und des Westens Katzenjammer. Das Weltraum-Rennen gegen die Sowjets und deren desaströses eigenes Mond-Programm hatte Amerika glamourös gewonnen, doch die Lage auf der Erde war eher deprimierend. „Als die letzte Mission 1972 den Mond verließ, steckten die USA mitten im Morast von Vietnam und Watergate“, sagt Martin Parker. Der Kulturwissenschaftler von der Universität Leicester hat pünktlich zum Jubiläum einen Sammelband über „Space Travel and Culture: From Apollo to Space Tourism“ veröffentlicht. Für ihn markieren die Schritte auf dem Mond das Ende des Industriezeitalters und seines Glaubens, dass alle Probleme mit „Big Science“, großen staatlichen Forschungsprogrammen, gemeistert werden können.

Der bemannte Flug zum Mond war das ultimative Big Science, befeuert zusätzlich durch den Wettbewerb der politischen Systeme. Die gesellschaftliche Wirkung war enorm. In den 50er und 60er Jahren wollte jeder Junge Astronaut werden. Die Aussicht auf die Eroberung des Weltraums regte die Fantasie von Schriftstellern, Musikern und Filmemachern an. Stanley Kubricks psychedelischer Kultfilm „2001: Odyssee im Weltraum“ kam 1968 in die Kinos. David Bowies traurige Weltraumballade „Space Oddity“ wurde 1969 ein Hit und lief zeitgleich zur Mondlandung im Radio. In der Begeisterung für den Weltraum waren sich Konservative Politiker und LSD schluckende Hippies einig.

Die Milliarde Menschen, die die Landung des „Eagle“-Moduls mit Buzz Aldrin und Neil Armstrong auf dem Mond am Fernsehen mitverfolgten, dachten vermutlich ähnlich wie der Wissenschaftsjournalist Tim Radford: „Wir verstanden alle, dass eine neue Epoche begonnen hatte: Es würde große Satellitenstädte im Weltraum geben, Kolonien auf dem Mond, einen Außenposten auf dem Mars, und all das vor 2001“. Doch es kam bekanntlich anders.

Von Kennedys großer Vision, für die 400 000 Menschen mehr als 10 Jahre lang eingespannt wurden, blieben am Ende große Worte, einige Brocken Mondgestein und ein paar Heldengeschichten. Kennedy selbst, das wissen Historiker längst aus Tonbandaufzeichnungen, interessierte sich überhaupt nicht für die wissenschaftlichen Aspekte der Raumfahrt. Er wollte seinem Land und der westlichen Welt ein begeisterndes Ziel geben: vor den Russen auf dem Mond sein. Die Frontier in den Weltraum zu tragen, das passte ideal zum Selbstbild der Amerikaner als Pioniere des Fortschritts. Eine gigantische Propaganda-Schlacht zur Selbstvergewisserung Amerikas und zu Markierung seiner globalen Führungsrolle, das war das Apollo-Programm für Kennedy.

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