Forschung + Innovation
60 Tage „schwerelos“: „Einmalige Erfahrung“ für zwölf Frauen

Sie strahlt über das ganze Gesicht wie nach einem bestandenen Examen.

dpa TOULOUSE. Sie strahlt über das ganze Gesicht wie nach einem bestandenen Examen. 60 Tage hat die gelernte Volkswirtin Elisabeth Giesen aus der Nähe von Stuttgart zum Nutzen der Raumfahrt in strenger Bettruhe verbracht - und dazu noch in einer ungewohnt schiefen Lage, denn ihr Kopf befand sich dabei um sechs Grad unter der Fußhöhe.

„Ich bin glücklich, diese einmalige Erfahrung gemacht zu haben“, sagt die 30-Jährige nach den zwei Monaten in der leicht schrägen Horizontalen.

Zusammen mit elf anderen Europäerinnen aus sieben Ländern hat Giesen das Bettexperiment auf sich genommen. Getestet wurde in einer Spezialklinik im südfranzösischen Toulouse, wie sich längere Schwerelosigkeit auf den weiblichen Organismus auswirkt, und wie sich strapaziöse Flüge - etwa zum Nachbarplaneten Mars - für Astronautinnen erträglicher machen lassen, etwa mit Spezialernährung und Muskeltraining.

Nach Bettruhe-Studien an Männern mussten sich erstmals Frauen in Toulouse im Dienst der Raumfahrtforschung ins Bett legen. Bisher ist zwar nur jeder zehnte Raumfahrer weiblichen Geschlechts, im Corps der Nasa-Astronauten jedoch schon jeder fünfte. Auf der Erde lassen sich mit der Schieflage am besten die körperlichen Folgen der Schwerelosigkeit simulieren - Muskel- und Knochenschwund etwa, dazu ein belasteter Kreislauf. Davon sind Frauen teilweise stärker betroffen.

Vor allem die Neugierde trieb die zwölf Probandinnen im Alter von 25 bis 40 Jahren in die Klinikbetten. Sie mussten topfit und besonders motiviert sein, um von der Europäischen Weltraumorganisation Esa unter 1 727 Frauen ausgewählt zu werden.

„Salopp gesagt, ich wollte meinen 30. Geburtstag nicht daheim verbringen“, sagt die junge Volkswirtin Giesen. Doch wie andere Teilnehmerinnen spricht auch sie von persönlicher Herausforderung und dem „unvergesslichen Erlebnis, sich dabei selbst besser kennen lernen zu können“. Keine führt das Bettruhe-Honorar von 15 200 Euro als Grund für die Teilnahme an. Und keine gab auf.

Zusammen mit der Polin Dorothea bezog Giesen ein Zimmer, was an schwierigen Tagen durchaus vorteilhaft war: „Jeder hatte definitiv Tiefs“, erzählt die 30-Jährige, „aber wenn es mir schlecht ging, ging es ihr gut, und umgekehrt.“ Als recht unangenehm beschreiben mehrere Teilnehmerinnen die Muskel-Biopsien, die zu den 184 Tests des breiten Forschungsprogramms gehörten.

Die Süddeutsche war für eine Gruppe mit spezieller Ernährung ausgewählt worden, was ihr jede Menge Proteine auf den Teller und Aminosäuren in das Glas brachten. „Das Menü las sich sehr gut, aber es wiederholte sich. Während der Bettruhe habe ich drei Mal so viel Fleisch aufgetischt bekommen wie jetzt in der Nachbetreuung“, sagt Giesen. Genau dies brachte allerdings schon ein wichtiges Ergebnis: Sie verlor während der Bettruhe weniger Herzmuskulatur als ihre Kolleginnen aus der Kontrollgruppe, die keine solchen Protein-Bomben bekamen. Immerhin signalisierten mehrere Frauen nach diesen 60 Tagen einen außerordentlichen Heißhunger auf ein gutes französisches Essen.

Problemlos setzte Elisabeth Giesen aus der Schräglage heraus auch ein begonnenes Fernstudium fort. „Und weil der Friseur nicht in die Klinik hier kommen konnte, habe ich mir von der Zimmergenossin einen Kahlschnitt verpassen lassen.“ Kann sie sich einen Flug zum Mars vorstellen, wie ihn die Esa für 2025 bis 2030 anpeilt? „Das dauert 500 Tage, und wenn da einer nicht in das Team passt, wird es schwierig“, sieht Giesen psychologische Probleme.

Auch diese Seite wollen Esa, die beteiligten US-Forscher und das französische Institut für Weltraummedizin (Medes) im Auge behalten. Sie bereiten eine zweite Bettruhezeit für den Herbst vor und suchen dafür noch Kandidatinnen. Und erst danach erwarten die etwa 70 Forscher aus elf Ländern handfeste Ergebnisse der Bettruhestudien.

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