Abrikosow, Ginsburg und Leggett ausgezeichnet
Physik-Nobelpreis für Supraleitung

Der Physik-Nobelpreis geht 2003 an den Amerikaner Alexej Abrikosow, den Russen Vitali Ginsburg sowie den britisch-amerikanischen Physiker Anthony Leggett. Ihnen wird der Preis für ihre Theorien über das Verhalten von Materie bei extremer Kälte verliehen.

STOCKHOLM. Für ihre Forschungen zur Quantenphysik sind drei Wissenschaftler aus den USA und Russland mit dem diesjährigen Nobelpreis für Physik ausgezeichnet worden. Die beiden aus Moskau stammenden Physiker Alexei Abrikosov (75) und Vitaly Ginsburg (87) sowie der gebürtige Brite Anthony Leggett (65) wurden geehrt „für bahnbrechende Arbeiten in der Theorie über Supraleiter und Supraflüssigkeiten“, wie die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften gestern in Stockholm mitteilte.

„Alle drei von uns haben etwas gemeinsam“, sagte Abrisokov in einem ersten Kommentar, „wir haben unsere Entdeckungen vor langer Zeit gemacht und sind heute recht alte Leute.“ Abrikosov und Ginsburg haben die Theorien zum Verständnis der widerstandsfreien Leitung von Energie bei sehr tiefen Temperaturen – nur wenige Grade über dem absoluten Nullpunkt von rund 270 Grad minus – bereits in den 50er-Jahren entwickelt und damit die Grundlagen für die darauf folgenden Entwicklungen in der Supraleitung gelegt. Der Preis sei daher längst überfällig gewesen, wie Tieftemperaturforscher Lambert Alff vom Walther- Meißner-Institut für Tieftemperaturforschung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften die Entscheidung des Nobelkomites kommentiert.

Eine späte Ehre

Dem in Moskau geborenen, aber später in die USA übersiedelten Abrisokov gelang die theoretische Erklärung der Supraleitung. Er stützte sich dabei auf eine zuvor von dem weiterhin in Moskau lebenden Kollegen Ginzburg entwickelten Grundlagen. Der in den USA lehrende Leggett hat dagegen in den 70er-Jahren erklären können, wie flüssiges Helium suprafluid werden kann.

In ersten Kommentaren zeigten sich die drei Preisträger erfreut und geschmeichelt über die späte Auszeichnung ihrer Forschung. Der erst 1991 in die USA übersiedelten Abrisokov sagte, er sei ohne Geld ausgewandert. „Jetzt brauche ich mir keine Gedanken mehr über meine Pension machen.“ Die drei Forscher teilen sich den mit umgerechnet 1,1 Mill. Euro dotierten Preis. Der 87-jährigen Ginzburg sagte in einem ersten Kommentar: „Für mich ist das eine enorm große Summe wie für jeden anderen Menschen in Russland, der kein Schurke oder ein Tycoon ist.“ Er werde möglicherweise das Geld seinen Enkeln geben.

Supraleitendes Material wird zum Beispiel in Stromkabeln, Motoren oder in Magnetkameras für die so genannte Magnetresonanztomographie, auch bekannt als Kernspintomographie, verwendet. Der am Montag an den Amerikaner Paul Lauterbur und den Briten Peter Mansfield vergebene Medizinnobelpreis für die Entwicklung der Kernspintomographie baut daher maßgeblich auf die Erkenntnisse der jetzigen Physiknobelpreisträger auf. „Das ist ein interessanter Zufall“, sagte der Generalsekretär der Schwedischen Akademie, Gunnar Öquist, gestern in Stockholm.

Euphorie um Hochtemperatur-Supraleiter verflogen

Es wurden bereits mehrere Nobelpreise rund um das Thema „Tieftemperaturforschung“ verliehen. Unter den Preisträgern sind der Schweizer Alex Müller und Deutsche Georg Bednorz, die 1987 für die Entdeckung eines so genannten Hochtemperatur-Supraleiters ausgezeichnet wurden, den sie ein Jahr zuvor am IBM Forschungslaboratorium in Rüschlikon (Schweiz) entdeckt haben. Der Vorteil dieser neuen keramischen Materialien ist, dass sie im Gegensatz zu den klassischen Supraleitern aus Metall – die mit teurem flüssigem Helium gekühlt werden müssen – bereits durch Kühlen mit dem wesentlich billigeren flüssigen Stickstoff den Strom verlustfrei transportieren.

Die Arbeit von Müller und Bednorz hatte so große Erwartungen geschürt, dass Anfang und Mitte der 90er-Jahre große Summe in die Forschung rund um die Hochtemperatur-Supraleiter geflossen sind. Seit einigen Jahren ist diese Euphorie jedoch deutlich abgekühlt, weil es nicht gelungen ist, die erhofften Fortschritte zu erzielen. „Wir wären heute möglicherweise viel weiter, wenn wir wüssten, wie die Hochtemperatur-Supraleitung funktioniert“, sagt Alff, der am Walther-Meißner-Institut versucht, wissenschaftliche Erklärungen für dieses physikalische Phänomen zu finden.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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