Abschreiben unter Forschern: Das kennen wir doch schon!

Abschreiben unter Forschern
Das kennen wir doch schon!

„Publish or perish!“, frei übersetzt: „Wer schreibt, der bleibt!“ – Forscher sehen sich einem gnadenlosen Publikationsdruck ausgesetzt. Nur wer ausreichend „Paper“ in renommierten Zeitschriften unterbringt, kann auf eine wissenschaftliche Karriere hoffen. Da ist die Verlockung groß, Veröffentlichungen schlicht abzuschreiben - mitunter sogar die eigenen.

HEIDELBERG. Nicht immer, wenn Forscher abschreiben, muss es sich gleich um ein echtes Plagiat handeln, bei dem sich also ein Autor bei einem anderen bedient. Viele Wissenschaftler nutzen einfach ihre Forschungsergebnisse für eine weitere Veröffentlichung mit nahezu gleichem Inhalt. Die Verlockung ist ja auch groß: Hier ein aktueller Messwert in einer Grafik, dort eine kleine ergänzende Tabelle - und schon entsteht ein neues „Paper“, das die heiß geliebte Publikationsliste ein wenig verlängert.

Wissenschaft schreitet natürlich voran, Messdaten müssen aktualisiert und im Lichte weiterer Forschungsergebnisse neu interpretiert werden. Und da das Arbeitsfeld der meisten Forscher eng abgesteckt ist, wundert es nicht, wenn die Titel der Publikationen einer Arbeitsgruppe immer wieder ähnlich klingen. Der Übergang zwischen berechtigter Aktualisierung und fragwürdiger Duplizierung von Ergebnissen bewegt sich in einer fließenden Grauzone.

Doch wie häufig kommen diese Fehltritte, die bislang nur zufällig entdeckt werden, in der Wissenschaftlerzunft wirklich vor? Und was kann man dagegen tun? Als Mittel gegen dieses Übel entwickelte der Mediziner Harold Garner von der Universität von Texas in Dallas zusammen mit seinen Kollegen das Computerprogramm „ETBLAST“, mit dem sich Abstracts, also die Kurzzusammenfassungen der Publikationen, nach Textparallelen durchforsten lassen. Unter dem treffenden Namen » Déjà vu haben es die Forscher im Internet öffentlich zugänglich gemacht.

In einem ersten Testlauf analysierten die Plagiatfahnder 62 000 zufällig ausgewählte biomedizinische Publikationen der letzten zwölf Jahre, die über die Datenbank „Medline“ der National Library of Medicine zugänglich sind. Nur bei einem Bruchteil von 0,04 Prozent fanden sich auffällige Textparallelen bei verschiedenen Autoren - hier hatte wohl ein Wissenschaftler vom anderen abgeschrieben. Deutlich höher mit 1,35 Prozent lag der Anteil fast wortgleicher Texte derselben Autoren, die vermutlich gleiche Ergebnisse mehrfach publiziert hatten.

Die Prozentzahlen mögen zunächst niedrig klingen. Mit 8,7 Millionen Abstracts, die in Medline abgespeichert sind, summieren sich die Zahlen der Duplikate jedoch auf etwa 117 500 und die der Plagiate auf 3500. Noch frappierender erscheint die Masse potenzieller Fälschungen, wenn man auch die Medline-Zitate ohne Abstracts berücksichtigt, die bei vielen, insbesondere älteren Papern fehlen: Von bis heute 17 Millionen Publikationen könnten knapp 7000 „geklaut“ sein.

In einem zweiten Schritt durchforsteten Garner und Co über sieben Millionen Medline-Zitate. Dabei erzielte ihr Programm insgesamt 70 458 Treffer. Vorsichtig geschätzt dürften demnach unter den sieben Millionen Arbeiten 50 000 vom gleichen Autor doppelt oder von anderen Forschern abgeschrieben sein. Da die Flut wissenschaftlicher Arbeiten immer weiter ansteigt, wird nach Ansicht von Garner auch die Zahl mehrfach publizierter Ergebnisse wachsen.

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