Absturz über dem Pazifik

Russischer Raumfrachter ist verglüht

Ein unbemannter Raumfrachter des Typs Progress M-27M ist Ende April schon kurz nach dem Start außer Kontrolle geraten. Jetzt bekam er eine Feuer- und Seebestattung der besonderen Art.
Update: 08.05.2015 - 14:48 Uhr Kommentieren
Die undatierte Aufnahme zeigt einen russischen Raumfrachter des Typs Progress M-27M. Quelle: dpa

Die undatierte Aufnahme zeigt einen russischen Raumfrachter des Typs Progress M-27M.

(Foto: dpa)

MoskauDer außer Kontrolle geratene russische Raumfrachter Progress M-27M ist nach mehrtägigem Irrflug abgestürzt und in der Erdatmosphäre verglüht. Hitzebeständige Trümmer des sieben Tonnen schweren Apparats seien im Südpazifik versunken, teilte die Raumfahrtbehörde Roskosmos am Freitag in Moskau mit. Die menschenleere Region weit vor der Westküste von Südamerika gilt als „Friedhof der Raumschiffe“. Hier gingen bereits viele Satelliten, Transporter und 2001 auch die Raumstation Mir unter.

Die Progress zerbrach Roskosmos zufolge um 04.04 Uhr MESZ etwa 80 Kilometer über der Erde. „Wenige Bauteile aus Titan oder Edelstahl haben das feurige Ende überstanden“, sagte ein Roskosmos-Mitarbeiter der Agentur Tass zufolge. An Bord des Frachters waren rund 2,4 Tonnen Nachschub für die sechsköpfige Mannschaft der Internationalen Raumstation ISS, darunter ein geplantes Festessen für den 9. Mai.

An diesem Samstag wollen die drei Russen auf dem Außenposten der Menschheit wie ihre Landsleute auf der Erde den 70. Jahrestag des Sieges über den Faschismus feiern. „Schade um das Essen. Wir werden den Tag aber würdig begehen“, meinte der Kosmonaut Anton Schkaplerow.

Die Progress war Ende April vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan zur ISS rund 400 Kilometer über der Erde gestartet. Wohl wegen einer defekten Sojus-Trägerrakete geriet sie aber auf eine falsche Umlaufbahn und kreiste mit rund 27 000 Stundenkilometern in immer engeren Bahnen um die Erde. Der Verlust des Frachters verursache einen Schaden von 88 Millionen Euro, hieß es in Moskau.

So könnte Weltraumschrott entsorgt werden
DEOS - Deutsche Orbitale Servicing Mission
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Bei diesem von deutschen Raumfahrttechnikern entwickelten System werden defekte Fluggeräte im All von einem Servicesatelliten eingefangen, gewartet und gegebenenfalls entsorgt. Nach erfolgreichem Abschluss einer Machbarkeitsstudie befindet sich das Projekt derzeit in einer vorbereitenden Missions- und Produktdefinitionsphase. 2017 könnte der erste Servicesatellit starten.

Clean Space One
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Ebenfalls frühestens 2017 wollen Schweizer Raumfahrttechniker das Müllproblem im All lösen. Ihr Putzsatellit "Clean Space One" packt sich mit einem Greifarm den Weltraummüll und stürzt sich damit Richtung Erde, wo Müll und Müllmann in der Atmosphäre verglühen.

Gold - Gossamer Orbit Lowering Device
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Dieses Konzept des US-Unternehmens Global Aerospace sieht vor, Satelliten schon vor dem Start mit einer Box auszustatten, in der sich ein zusammengefalteter Ballon befindet. Zum Ende der Mission bläst sich dieser auf und bremst das Raumfahrzeug so stark ab, dass es in tiefere Atmosphärenschichten absinkt und dort verglüht. Box und Ballon würden das Startgewicht des Satelliten um weniger als 50 Kilogramm erhöhen, versprechen die Entwickler.

Nanosatelliten der Darpa
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Auch die Weltraumexperten der Darpa, der Forschungsabteilung des US-Militärs, sind an einer Lösung des Müllproblems im All interessiert, wie das von ihnen entwickelte Projekt Phoenix zeigt. Statt einen teuren großen Satelliten ins All zu schießen, sieht das Szenario vor, Nanosatelliten als Zuladung mit einem anderen Raumtransport ins All zu befördern. Ein Reparatursatellit nimmt einen oder mehrere dieser Kleinsatelliten an Bord und sucht dann einen passenden ausgedienten Satelliten, dessen Antenne noch einsatzfähig ist. Die Nanosatelliten werden daran befestigt, schließlich die Antenne vom ursprünglichen Satelliten entfernt - fertig ist der neue Satellit.

Der ISS-Experte Holger Krag von der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa sagte, die Forscher hätten mit Hilfe von Satelliten zwar den Flug des Frachters und seinen Absturz verfolgen können. Es fehle aber weiterhin ein weltweites Netzwerk von Radarstationen, um Gefahren aus dem All rechtzeitig zu entdecken. „Wir sollten den Absturz zum Anlass nehmen, diese Diskussion über die augenblickliche Aufmerksamkeit hinaus zu führen“, sagte Krag der Deutschen Presse-Agentur.

Die schwere Progress-Panne hat auch Auswirkungen auf Russlands Raumfahrtprogramm. So verschob Roskosmos die für nächste Woche vorgesehene Rückkehr von drei Astronauten von der ISS auf den 11. Juni. Zudem werde der für Ende Mai geplante Start einer bemannten Mission zur ISS erst Wochen später stattfinden. Den Forschern bereitet Sorge, dass die dritte Stufe der Sojus wohl explodiert war. Mit einer solchen Rakete starten auch bemannte Raumschiffe.

In den nächsten Wochen soll aber ein neuer Transporter zum fliegenden Labor starten. Roskosmos zufolge verfügt die Mannschaft derzeit noch über ausreichend Lebensmittel und technisches Gerät.

  • dpa
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