Altersrekord im Tierreich
Muschel, willst du ewig leben?

Das älteste Tier der Welt lebte 400 Jahre ungestört vor der Nordküste Islands. Jetzt haben britische Wissenschaftler die beschauliche Ruhe von „Ming“ gestört – und die Muschel in die Rekordbücher gebracht.

TT DÜSSELDORF. Lange verlief Mings Leben eher unspektakulär: Jahrhunderte lang ließ sich die Venusmuschel vom kalten Wasser vor Islands Küste überspülen. Jetzt hat ihre artspezifische Anonymität ein jähes Ende gefunden. Wissenschaftler der Universität im walisischen Bangor konnten ihr Alter bestimmen: Mit einer Lebensspanne von über 400 Jahren ist Ming nun Rekordhalter in Sachen Langlebigkeit im Tierreich.

Muscheln der Art Arctica islandica – zu der auch Ming zählt – gelten unter Biologen seit jeher als rekordverdächtig, wenn es ums Altern geht. Mings Vorgängerin als Rekordhalter, heute ein Museumsstück, brachte es immerhin auf 374 Jahre. Für Forscher sind die Weichtiere wahre Fundgruben, wenn es darum geht, historische Klimaverhältnisse zu rekonstruieren. Anhand des Schalenwachstums lassen sich Veränderungen der Wassertemperatur, des Salzgehalts und des Nahrungsangebots in ihrem Lebensraum nachweisen. Und da die Muscheln ähnlich wie Bäume typische Wachstumsringe auf ihrer Schale entwickeln, ist eine genaue Datierung für Fachleute kein Problem.

Die eigentliche Aufgabe des Forschungsteams um Paul Butler von der Bangor University war denn auch die Rekonstruktion von Klimaveränderungen im Verlauf der letzten 1000 Jahre. Dazu sammelten die Wissenschaftler im vergangenen Jahr vor der Nordküste Islands passende Studienobjekte. Bei der Auswertung dann die Sensation, die Butlers Kollege Chris Richardson so beschreibt: „Al und Paul stürzten in mein Büro mit der Nachricht, dass sie einen neuen Rekordhalter gefunden hätten.“ Den passenden Namen für ihren Rekordfund hatten die Forscher auch gleich parat: Als Namenspatron diente die chinesische Ming-Dynastie, die ihre Blütezeit zu Beginn von Mings langem Leben hatte.

Interessant ist Ming nicht nur für die Klimaforschung. Auch Wissenschaftler, die sich mit dem Prozess des Alterns beschäftigen, haben die Muschel und ihre kaum jüngeren Artgenossen längst ins Visier genommen. Noch einmal Chris Robertson: „Die Evolution hat mit Arctica islandica ein Modell für erfolgreichen Widerstand gegen Alterungsprozesse geliefert. Durch Untersuchung dieser echten ,Methusalem'-Organismen können wir den Prozess des Alterns vielleicht besser verstehen.“

Bleibt zu hoffen, dass der Schlüssel für ein langes Leben nicht in 400 Jahren Langeweile vor Islands Küste besteht.

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