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Analyse: Helfen Alzheimer-Medikamente oder nicht ?

Von Christiane Löll, dpa =

Von Christiane Löll, dpa =

dpa BERLIN. Das Thema Alzheimer ist hoch emotional: Wer fürchtet nicht, geliebte Menschen plötzlich nicht mehr zu erkennen und sich auf dem Weg ins Badezimmer zu verirren? Hamburger Forscher haben mit einer noch nicht veröffentlichten, kritischen Studie über die Wirksamkeit von neuen Alzheimermitteln eine Debatte entfacht und damit Patienten, Angehörige und auch Mediziner verunsichert. Am Donnerstag meldete sich in Berlin das Kompetenznetz Demenzen zu Wort: Die Substanzen Donepezil, Rivastigmin und Galantamin wirkten sehr wohl und könnten starke Alzheimersymptome für einen Zeitraum von etwa einem Jahr verzögern - wenn auch nicht bei allen Patienten.

Die Forscher vom Institut für Allgemeinmedizin am Hamburger Universitäts-Krankenhaus Eppendorf (UKE) haben für ihre kritische Untersuchung 20 Studien auf methodische Stichhaltigkeit untersucht und dabei Mängel entdeckt. „Wir sagen, der wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit ist nicht erbracht und steht noch aus“, sagt Studienautor Hans-Peter Beck-Bornholdt. „Wir sagen aber nicht: Sie wirken nicht.“ Die Frage sei jedoch: „Ist man bereit, ein Medikament einzunehmen, von dem fraglich ist, ob es wirkt, bei dem nur die Nebenwirkungen erwiesen sind?“ Das Magazin „Der Spiegel“ hatte kürzlich über die Untersuchung berichtet.

Der Sprecher des Kompetenznetzes Demenzen, Fritz Henn, verweist hingegen auf Studien der internationalen Cochrane Collaboration, die regelmäßig Übersichtsarbeiten zur Wirksamkeit von Therapien erstellt. Deren Experten kommen zu dem Schluss, dass die Cholinesterasehemmer das tägliche Leben von Alzheimer-Patienten verbessern. Die Wirksamkeit unterscheide sich je nach Grad der Erkrankung und Dauer der Behandlung. Über die Qualität der Methodik der Hamburger Studie könne er nichts sagen, sagt Henn. Sie sei noch nicht veröffentlicht. Nebenwirkungen seien unter anderem Übelkeit oder Schwindel, vor allem wenn die Dosis nicht langsam nach und nach gesteigert würde. Die Cholinesterasehemmer seien aber Mittel der ersten Wahl bei Alzheimer.

Nach Angaben des vom Bundesforschungsministerium geförderten Netzes haben zur Zeit schätzungsweise eine Million Menschen in Deutschland eine Demenz. Verzweifelt suchen Forscher weltweit nach einer Waffe gegen den langsamen Verfall des Geistes. „Wenn wir neue Medikamente haben wollen, müssen wir Studien mit Firmen zusammen machen“, sagt Henn. Studien für die Zulassung werden von Herstellern betrieben, unabhängige Studien gibt es kaum. „Das ist unser Ziel: Uns unabhängiger von Pharmafirmen zu machen“, sagt Henn.

Beck-Bornholdts Hamburger Kollegen von der Gedächtnissprechstunde am UKE sind nicht gerade glücklich über den Wirbel. „Viele Alzheimerpatienten kommen verunsichert in die Klinik, auch jene, denen die Medikamente helfen“, sagt Holger Jahn, Leiter der Sprechstunde. „Eine Verteufelung ist unsinnig, das ist auf Grund der Datenlage nicht haltbar.“ Wenn die Medikamente nicht wirkten, würden sie wieder abgesetzt. Da gebe es eine klare Kosten-Nutzen-Abwägung. Laut Henn kosten die Medikamente täglich rund fünf Euro. Sie können aber Heimeinweisungen verzögern.

Über zahlreiche Anrufe von Verunsicherten berichtet auch die Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Sabine Jansen. Gewännen Patienten jedoch Zeit durch die Medikamente sei dies wertvoll. Zeit sei das, was die Alzheimer-Kranken dringend brauchten: Um ihr Leben zu überdenken und ihr Leben mit der Krankheit zu planen.

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