Analyse
Publizierwahn und Erfolgsdruck fördern Betrug

Der Fälschungsskandal um die Stammzellstudien des südkoreanischen Tierarztes Hwang Woo Suk sorgt für Wirbel in der Forschergemeinde. Die Branche befürchtet einen Vertrauensverlust. Einstweilen jedoch verordnet sie sich eine Pause zum Nachdenken und fahndet nach den Ursachen für den Betrug. Dabei stößt sie auch auf generelle Schwachstellen im Wissenschaftssystem.

dpa MÜNSTER/KÖLN. In der vergangenen Zeit seien Stammzellen oft als Allheilmittel dargestellt worden, kritisiert der Münsteraner Stammzellforscher Hans Schöler. Zwar können sich die nicht spezialisierten Zellen aus Embryonen oder bestimmten Geweben des erwachsenen Körpers theoretisch in viele verschiedenen Zellen umwandeln. Doch die Vision, dass sie - quasi als Ersatzteile - die toten Zellen bei Herzinfarkten oder der Alzheimer-Krankheit ersetzen, sei absolut überzogen, meint auch Schölers Kölner Kollege Jürgen Hescheler. „Revolutionen sind nicht zu erwarten.“

Die Öffentlichkeit habe nun verstanden, dass Stammzellen absolut der Grundlagenforschung angehörten. „Endlich kommen wir zurück in die Realität“, sagt der Kölner Stammzellforscher - und wirkt dabei erleichtert. „Nun konzentrieren sich die Forscher wieder auf ihre wissenschaftliche Arbeit.“ Auch Schöler atmet auf: „Das nimmt jetzt schon ein bisschen den Druck“, sagt der Direktor des Max-Planck- Instituts für molekulare Biomedizin.

Auch aus einer zweiten Richtung, aus der viele Forscher enormen Druck verspürten, könnte es demnächst ruhiger werden, hofft Hescheler: Die berühmten Wissenschaftsmagazine „Science“ und „Nature“ hätten den Wettstreit der Forscher um das neueste Forschungsergebnis und die erste Veröffentlichung zusätzlich verstärkt. „Immer auf der Suche nach spektakulärer Wissenschaft“, kritisiert Hescheler.

Der Fälschungsskandal hat nun beide Blätter aufgeschreckt. „Science“ musste zwei gefälschte Studien zurückziehen. Chefredakteur Donald Kennedy kündigte an, das Verfahren zur Begutachtung eingereichter Studien zu verbessern. So sollen Wissenschaftler, die für „Science“ als Gutachter arbeiteten, demnächst auch darlegen, inwieweit sie in Konkurrenz zu den Studienautoren stehen. Zudem will Kennedy Methoden zur Erkennung gefälschter Bilder und Grafiken einführen.

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