Angst vor Diskriminierung wegen der "Krankheitsgene"
Arzneien ohne Nebenwirkungen gesucht

Zu oft ist eine Therapie Glückssache: Nur 20 bis 40 % sprechen optimal auf eine Medikation an. Bei allen anderen wirkt ein Präparat zu schwach oder zu heftig.

HB HANNOVER. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland jährlich 16 000 Patienten an Unverträglichkeiten sterben. Teuer entwickelte Präparate verschwinden somit vom Markt. Allein innerhalb der vergangenen zehn Jahre ist deshalb der Pharmaindustrie weltweit ein Verlust von etwa 20 Mrd. US-Dollar entstanden.

Mit Hilfe des recht jungen Forschungszweiges der Toxiogenomik versuchen nun Forscher, Wirksamkeit und Nebenwirkungen neuer Präparate in einem sehr frühen Entwicklungsstadium zu untersuchen. Ziel ist es, Gene und Proteine zu identifizieren, um maßgeschneidert Medikamente ohne Nebenwirkungen entwickeln zu können.

Nebenwirkungen vorhersagbar

Hätte so Bayer das Lipobay-Problem erspart werden können? "Prinzipiell ja, weil kann man Arzneimittelwirkungen vorhersagen kann", sagt Jürgen Borlak vom Forschungsbereich für Pharmako- und Toxikogenomik am Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM), das europaweit führend ist auf diesem Gebiet. Der Schlüssel für die Vorhersage ist die so genannte Gen- und Proteinexpressionsanalyse. Mit ihr wird ermittelt, wie etwa ein neuer Wirkstoff die Genaktivität des Menschen verändert und wie es zu unerwünschten Nebenwirkungen kommt.

Schwerpunkt der Fraunhofer-Forschung sind Gefäß-, Herz-, Leber- und Lungenerkrankungen, deren medikamentöse Behandlung derzeit im Rahmen von insgesamt knapp vier Mill. Euro schweren Industrieprogrammen untersucht wird. Auftraggeber sind zahlreiche große Pharmaunternehmen.

Entwicklungskosten können gespart werden

Das Prinzip der Analyse ist recht einfach: Zunächst werden Stoffe analysiert, die bekanntermaßen etwa Leber-, Herz- oder Nierenschäden verursachen. Diese giftigen Stoffe werden gesunden menschlichen und tierischen Leber-, Herz- oder Nierenzellen zugegeben, um die Wirkung auf Gene und Proteine zu untersuchen. Ein Vergleich mit unbehandelten Zellen zeigt, wie diese Wirkstoffe Gene verändern und damit Krankheiten auslösen. So erhält man ein Gen- und Proteinexpressionsprofil. Dieses wird in einer Datenbank gespeichert.

Zeigt nun ein neuer Wirkstoff ein ähnliches Profil, macht schon der Abgleich klar, dass eine Weiterentwicklung nutzlos ist. "Mit diesen Daten wird es möglich sein, gute Vorhersagen über die Wirksamkeit von Substanzen zu treffen, die noch entwickelt werden. Das spart Kosten und erhöht die Arzneimittelsicherheit", sagt Borlak. Bis zu 50 % der frühen Entwicklungskosten eines Medikaments ließen sich somit sparen.

Ein weiterer Vorteil der Methode:

Seite 1:

Arzneien ohne Nebenwirkungen gesucht

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%