Antarktis
Vom Ende der Welt zum Ende des Universums

„Ridge A“ in der Antarktis ist einer der menschenfeindlichsten Orte unseres Planeten: Extrem kalt, extrem trocken und fernab jeder menschlichen Zivilisation. Ausgerechnet hier könnte das erste Großteleskop Australiens entstehen – eine Anlage, die selbst mit dem legendären Hubble-Weltraumteleskop wetteifern würde.
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DÜSSELDORF. Einem der extremsten Orte auf unserem Planeten sind australische Wissenschaftler auf die Spur gekommen. Bei der Suche nach dem besten Platz für ein astronomisches Großteleskop entdeckten sie auf dem Polarplateau, einem riesigen Hochplateau in der Ostantarktis, ein abgelegenes Gebiet, das ihre Aufmerksamkeit in besonderer Weise auf sich zog.

„Ridge A“, wie die Wissenschaftler das Gebiet tauften, ist gleich in mehrerer Hinsicht rekordverdächtig: Mit Durchschnittstemperaturen von minus 70 Grad Celsius im Winter ist es einer der kältesten Orte unseres Planeten, extrem abgelegen und trockener als selbst die für ihre Wasserarmut berüchtigte Atacama-Wüste in Chile. Was die Wissenschaftler um Will Saunders von der University of New South Wales aber besonders fasziniert, ist das nahezu vollständige Fehlen von atmosphärischen Turbulenzen in dem Gebiet. Was mögliche Wetterkapriolen angeht, dürfte Ridge A tatsächlich der ruhigste Platz der Erde sein.

Für die Astronomen ist dieser Aspekt besonders wichtig. Denn die Beobachtung des Universums mit erdgestützten Teleskopen stößt dort an ihre Grenzen, wo die Atmosphäre unseres Planeten für Störungen sorgt. Zwar sind moderne Großteleskope wie das „Very Large Telescope“ auf dem chilenischen Cerro Paranal in der Lage, einen Teil der atmosphärischen Turbulenzen herauszufiltern, trotzdem gelten erdgestützte Anlagen gegenüber Weltraumteleskopen wie „Hubble“ als unterlegen.

„Ridge A wäre den besten bislang existierenden Beobachtungsplätzen in Hawaii und Chile weit überlegen, weil es hier dunkler und trockener ist“, so Saunders. „Die astronomischen Aufnahmen, die ein mögliches Teleskop von Ridge A aus machen würde, wären mindestens dreimal schärfer als alles, was wir mit den derzeit besten Teleskopen am Boden erreichen können.“

Noch nie von Menschen betreten

Betreten haben die Wissenschaftler ihren Lieblingsplatz freilich noch nicht. Tatsächlich ist bislang noch nie ein Mensch auch nur in die Nähe von Ridge A gekommen. Stattdessen werteten Saunders und seine Kollegen Daten von Wettersatelliten, Polarstationen und Klimamodellen aus, um den idealen Teleskop-Standort zu ermitteln. Im Hintergrund steht der Wunsch Australiens, ein eigenes Hochleistungsobservatorium zu etablieren. Bislang fehlt es den Astronomen auf dem fünften Kontinent an einer entsprechenden Anlage, sie sind auf die Nutzung von Teleskopen anderer Nationen angewiesen.

2004 hatten australische Wissenschaftler erstmals die Antarktis als Standort ins Spiel gebracht. In einem Aufsatz für das Fachmagazin „Nature“ wiesen sie nach, dass ein Großteleskop in der Nähe des Südpols ähnlich gute Aufnahmen liefern könnte wie das „Hubble“-Weltraumteleskop. Seither arbeiten die Experten des Landes an einer Realisierung des Projekts. Bis 2012 soll ein erstes, kleineres Teleskop auf dem Gelände einer französisch-italienischen Polarstation entstehen.

Angesichts der gewaltigen Herausforderungen, die ein technologisches Großprojekt in einer derart menschenfeindlichen Umgebung mit sich bringt, ist für Will Saunders die internationale Zusammenarbeit der wichtigste Schlüssel zum Erfolg. „Australien hat gegenwärtig kein Observatorium von Weltrang“, so der Wissenschaftler. „Wir können wählen, ob wir weiterhin Juniorpartner an Teleskopen wie dem in Chile bleiben wollen – oder ob wir gemeinsam mit China oder Europa unsere Bemühungen darauf konzentrieren, das erste bedeutende Observatorium in der Antarktis zu errichten.“

Thomas Trösch
Thomas Trösch
Handelsblatt / Redakteur Wissenschaft + Technik

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