Archäologie
Chemiker am Lagerfeuer

Das passt in unser Bild vom Steinzeitmenschen: Dass sie ihre Speere blutrot färbten, um fettere Beute zu fangen. Doch vielleicht hatten unsere Ahnen dabei schon vor 70 000 Jahren mehr Naturwissenschaft im Sinn als Magie.
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HEIDELBERG. Als Forscher der University of the Witwatersrand in Johannesburg kürzlich bei Steinwerkzeugen aus dem heutigen Südafrika mikroskopisch kleine Spuren von Ocker nachwiesen, sah zunächst alles nach einer „magischen“ Verwendungsweise des Universalfärbemittels aus. Die Bewohner der Sibuduhöhle hatten es vor rund 70 000 Jahren dem Klebstoff beigemengt, der ihre Klingen am Schaft befestigte. Das mag Jagdglück versprochen haben.

Forscher um Lyn Wadley, ebenfalls von der Witwatersrand-Universität, wunderten sich allerdings darüber, warum nicht alle Schäftungen gleichermaßen mit dem Pigment versehen waren. Bei anderen tauchten Fette und Wachse auf. Seltsamerweise fanden sich auch keine Spuren außerhalb des Bereich, in dem der Klebstoff aufgetragen war. Würde Homo sapiens darauf verzichten, das wichtigste am Speer - die eigentliche Klinge - mitzufärben?

Die Archäologen suchten nach einem tieferen Sinn und bauten kurzerhand die Steinzeitklebstoffe nach - nicht im Labor, nicht mit Zutaten aus dem Chemikalienhandel, sondern mit rotem und gelbem Ocker aus Lagerstätten rund um die Höhle und verschiedenen Proben von Akaziengummi, dem zweiten Bestandteil der Klebmasse. Den ganzen Herstellungsprozess versuchten sie so authentisch wie möglich nachzuvollziehen. Sie nutzen sogar Steinplatten, um den bröckeligen Ocker zu Pulver zu zerreiben, und ein Lagerfeuer, um die Masse am Lagerfeuer auszuhärten. Nach Laborstandards eine Katastrophe, brachte die urzeitliche Versuchsanordnung die Wissenschaftler auf eine alternative Deutung der Farbspuren.

Derzufolge wussten die frühen Menschen aus der Sidubuhöhle, wie sie mit Hilfe des eisenoxidhaltigen Mineraliengemischs die Eigenschaften ihres Gummis erheblich verbessern konnten. Die Körnigkeit des Ockerpulvers habe beispielsweise die Belastbarkeit erhöht, meinen Wadley und Kollegen, vergleichbar mit der heute üblichen Beimengung von Sand oder Steinen zu Beton. Aber die Vermischung stieß auch chemische Reaktionen an, etwa eine Herabsetzung des pH-Werts oder der Löslichkeit des im Mineral gebundenen Eisens. Das hatte Konsequenzen auf die Viskosität der Masse und damit deren Anwendbarkeit.

All das galt zumindest für einige Proben. Denn andere waren nach der Vermischung nicht mehr zu gebrauchen. Der Grund dafür sei, dass die Zusammensetzung der Naturmaterialien erheblich schwanke, meinen die Wissenschaftler. Manche Pflanzensäfte vertrugen sich besser mit Bienenwachs, einige der Ockerproben hatten den falschen Eisenanteil oder das Metall lag bei ihnen in einer ungünstigen chemischen Form vor.

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