Archäometrie
Die Archäologie des Unsichtbaren

Steve Weiner vom israelischen Weizmann Institut gehört zu den Pionieren einer naturwissenschaftlich orientierten Archäologie. Im Interview erläutert er, welche revolutionären Erkenntnisse die Archäometrie uns bringt.
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Professor Weiner, würden Sie sagen, dass sich das Feld der Archäologie dramatisch verändert? Werden wir Zeugen einer Art "Vernaturwissenschaftlichung" einer Disziplin, die eigentlich in den Geisteswissenschaften verwurzelt scheint?

Es wäre verfrüht zu sagen, dass sich die Disziplin der Archäologie dramatisch verändert. Kollegen in den Vereinigten Staaten beispielsweise betreiben relativ wenig Forschung, die Archäologie und Naturwissenschaft verknüpft. In Europa hingegen gehören archäologische Wissenschaft oder Archäometrie mehr oder weniger bereits zum "Mainstream". Dabei geht es beiden letztlich um die Analyse von archäologischen Materialien.

Erklären Sie bitte Ihren Ansatz und präzisieren Sie, wie er Archäologen beeinflusst hat.

In den Jahren 2003/2004 fand unser erstes großes Projekt an der römischen Grabungsstätte Tel Dor – an der Küste südlich von Haifa – statt, die während der Eisenzeit von Phöniziern bewohnt wurde. Gleich zu Beginn unserer Arbeit, als wir gerade die verschiedenen Sedimenttypen untersuchten, entdeckten wir weiße Schichten. In allen Ausgrabungsplänen waren sie als Estrichböden eingetragen. Aber es handelte sich nicht um Estrich.

Das Material enthielt nicht einmal das entsprechende Mineral Kalzit, sondern Kieselerde, genauer gesagt biologisch produzierte Kieselerde, die aus Pflanzen stammt, so genannte Phytolithe. Sie formten diese wunderbaren weißen Schichten, nur hatte das bis dahin niemand erkannt. Sie als Estrich zu interpretieren anstatt als das, was sie tatsächlich waren, nämlich eine Ansammlung von pflanzlichem Material, macht eben den Unterschied aus, ob man den Fundort fälschlicherweise als Bauernhaus oder richtig als Kuhstall deutet.

Was wir entdeckten, war aber im Wesentlichen ein Kuhstall, in dem sich in großen Mengen Mist aufgestapelt hatte. Über die Jahrhunderte zersetzte sich dieses organische Material. Die Minerale jedoch, die hauptsächlich aus Gras und anderen Pflanzen stammten, blieben erhalten. So entstand wahrscheinlich eine rund ein Zentimeter dicke weiße Schicht aus einer ein Meter hohen Schicht Tierdung.

Im Gegensatz dazu erforderte die Produktion von Estrich oder Gips hohe Energiekosten. Man musste dafür Unmengen von Kalkstein verbrennen und dafür war wiederum eine Menge Holz nötig. Entlang der Levante wachsen nicht allzu viele Bäume. Kurzum: Wir haben die Archäologen zweifellos überrascht.

Ihre Arbeit in Tel Dor hat zu einer kompletten Neuinterpretation einiger Funde geführt. Hat sie auch Einfluss auf Archäologen jenseits dieser Grabungsstätte gehabt?

Ja, später sagten viele Gelehrte, die uns in Tel Dor besuchten: "Wir haben sehr ähnliche Entdeckungen in unseren Grabungsstätten gemacht." Seitdem finden wir sie überall in Israel. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Begriff Phytolith noch nicht allgemein bekannt. Jetzt weiß jeder über sie Bescheid. Phytholith bildet den Hauptbestandteil des organischen Materials, das in einer Siedlung für Dächer, Wände oder Balken genutzt wurde. All das kann in einer Grabungsstelle nicht mehr festgestellt werden, außer in der Form der Phytolithe. Somit hatte diese Entdeckung einen großen Einfluss auf Archäologen. Sie mussten zugeben, dass sie eine Menge Funde falsch interpretiert hatten.

Wirkte der Einfluss auch umgekehrt – hatte die archäologische Arbeit auch Auswirkungen auf Sie?

Oh ja, wir wollen stets Teil des Ausgrabungsteams sein. Wir wollen lernen, welche neuen Fragen zu stellen sind. Wenn wir die verschiedenen archäologischen Grabungsstätten verstehen, können wir hoffentlich auch herausfinden, wo sich noch Lücken in unserem Wissen auftun. Daher wurden wir gebeten, an zahlreichen Grabungen mitzuwirken. Aber es gibt immer einige, an denen wir länger dran bleiben als an anderen. Wenn wir nur dort hingingen, wo es vermeintlich etwas Ungewöhnliches zu finden gibt, dann würden wir letztlich nicht weiterkommen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Derzeit arbeiten wir an der Grabungsstätte Tell es-Safi, rund 60 Kilometer südlich von Tel Aviv, die vermutlich einst die Philisterstadt Gath war. Im vergangenen Jahr haben wir dort einen Bereich neu untersucht, den Archäologen ausgegraben und an dem sie so gut wie keine makroskopischen Überreste gefunden hatten – kaum eine Keramik, keine Wände oder dergleichen. Sie nannten es einen "leeren Quadranten", weil für sie mit bloßem Auge nichts sichtbar war. Das wiederum hat meine Aufmerksamkeit erregt. Das Gebiet lag auf der Spitze des Siedlungshügels – eigentlich ein wichtiger Platz. Es muss also etwas dort gewesen sein. Wir untersuchten das Feld erneut, mit unseren Methoden. 

Was haben Sie entdeckt?

Unter dem Mikroskop erkannten wir große Mengen von Phytolithen. Wir konnten dann die ganze Schicht in einem großen Bereich nachweisen. Zu unserer Überraschung befanden sich die ersten Wände, die dort gebaut worden waren, genau auf dieser Schicht – noch vor der ersten Besiedlung dieses Teils des Siedlungshügels. Das musste am Ende der Bronzezeit oder am Anfang der Eisenzeit passiert sein, kurz nachdem die Seeleute der Philister angekommen waren. Aktuell versuchen wir herauszufinden, um welches organische Material es sich gehandelt haben muss. Bisher deutet alles auf Asche von Brennmaterial hin. Vielleicht wurde sie gesammelt, um sie als Dünger oder als Baumaterial zu benutzen. Diese Frage können wir noch nicht abschließend beantworten.

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