Astronomie: Alter Galaxienhaufen in jungem Universum

Astronomie
Alter Galaxienhaufen in jungem Universum

Astronomen haben einen ungewöhnlichen Galaxienhaufen aus der Frühzeit des Universums aufgespürt. Sein Licht stammt aus einer Zeit, als unser Kosmos weniger als ein Viertel seines heutigen Alters hatte.
  • 0

DüsseldorfMit einer ganzen Armada von Teleskopen auf dem Erdboden und im Weltall haben Astronomen den am weitesten entfernten bislang bekannten „erwachsenen“ Galaxienhaufen entdeckt. Sein Licht stammt aus einer Zeit, als das Universum weniger als ein Viertel seines heutigen Alters hatte.

Galaxienhaufen sind die größten durch Schwerkraft zusammengehaltenen Strukturen im Universum. Astronomen gehen davon aus, dass diese Haufen mit der Zeit allmählich immer größer werden. Im  jungen Universum sollten massereiche Galaxienhaufen daher eigentlich kaum vorkommen.

Doch CL J1449+0856 – so die wissenschaftliche Bezeichnung des Haufens – überraschte die Forscher durch seine große Ähnlichkeit mit den Galaxienhaufen im heutigen Universum, die ungleich mehr Zeit hatten, sich zu entwickeln. „Auch bei genauerer Betrachtung sieht man diesem Galaxienhaufen nicht an, dass er sehr jung ist“, so Raphael Gobat vom Laboratoire AIM-Paris-Saclay, einer der an der fünfjährigen Untersuchung beteiligten Wissenschaftler. „Viele seiner Galaxien sind bereits voll entwickelt und weisen kaum Ähnlichkeit mit den für das junge Universum typischen Galaxien auf.”

Erstmals aufgefallen war der Galaxienhaufen als eine Ansammlung von lichtschwachen, roten Objekten auf Aufnahmen des Weltraumteleskops Spitzer. Mit dem Very Large Telescope (VLT) der europäischen Südsternwarte ESO gelang es Gobat und seinem Team dann, diese Objekte als Mitglieder eines Galaxienhaufens zu identifizieren. Ein Haufen, den wir in dem Zustand sehen, den er hatte, als das Universum nur etwa drei Milliarden Jahre alt war – weniger als ein Viertel des heutigen Alters.

In der Folge nahmen mehrere Forschungsteams das ungewöhnliche Objekt mit weiteren erdgestützten Teleskopen sowie dem Weltraumobservatorium Hubble ins Visier. Dabei fanden sie Anzeichen dafür, dass die meisten Galaxien des Haufens kaum mehr neue Sterne bilden.

Diese Galaxien bestanden stattdessen überwiegend aus Sternen, die bereits etwa eine Milliarde Jahre alt waren. Das macht den Galaxienhaufen zu einem „erwachsenen“ Exemplar seiner Gattung. Seine Gesamtmasse ist vergleichbar mit der des Virgohaufens, des von der Milchstraße aus nächstgelegenen großen Galaxienhaufens.

Weitere Anzeichen dafür, dass es sich bei CL J1449+0856 um einen ausgewachsenen Haufen handelt, ergaben Röntgenbeobachtungen mit dem Satellitenteleskop XMM-Newton der europäischen Weltraumbehörde ESA. Der Galaxienhaufen erzeugt Röntgenstrahlung, die sich auf sehr heißes und dünnes Gas zurückführen lässt, das den Raum zwischen den Haufengalaxien ausfüllt und eine Konzentration zum Zentrum des Haufens hin aufweist. Ein junger, noch in der Entwicklung befindlicher Galaxienhaufen hätte noch nicht genügend Zeit gehabt, ein solches Gasreservoir anzusammeln.

Für die Wissenschaftler ist die Entdeckung von CL J1449+0856 ein ausgesprochener Glücksfall. „Die Entdeckung eines einzelnen Haufens dieser Art liegt noch innerhalb der Wahrscheinlichkeit, die sich aus den derzeit gängigen kosmologischen Modellen ergibt“, so Gobat. „Sollten zukünftige Beobachtungen allerdings noch weitere solche Haufen entdecken, dann müssten wir unser bisheriges Bild vom frühen Universum grundsätzlich überdenken.“

Thomas Trösch
Thomas Trösch
Handelsblatt / Redakteur Wissenschaft + Technik

Kommentare zu " Astronomie: Alter Galaxienhaufen in jungem Universum"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%