Astronomie
Bienenschwarm im Zentrum der Milchstraße

Im Zentrum unserer Milchstraße geht es zu wie in einem Bienenschwarm. Astronomen haben die Umgebung des Schwarzen Lochs im Herzen der Galaxis genauer untersucht und sind dabei einigen jungen Wilden auf die Spur gekommen.
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MÜNCHEN. Rund um das superschwere Schwarze Loch im Zentrum unserer Milchstraße geht es zu wie in einem Bienenschwarm. Das haben Langzeitbeobachtungen von Wissenschaftlern des Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik (MPI) ergeben. Mit bisher unerreichter Präzision konnten die Astronomen Sterne im Zentrum der Milchstraße verfolgen. Dabei zeigte sich, dass Sagittarius A* – so der wissenschaftliche Name des Schwarzen Lochs im Herzen der Galaxie – von Sternen umkreist wird wie unsere Sonne von Planeten, allerdings sehr viel schneller.

„Die Bahnen der Sterne in der innersten Region sind völlig regellos“, erläuterte Stefan Gillessen vom MPI die Ergebnisse der mehrjährigen Untersuchung von Sagittarius A*. In insgesamt 50 Nächten, verteilt über 16 Jahre, beobachteten die Forscher das Herz der Milchstraße. Seit 1992 nutzten sie dazu ein 3,5-Meter-Teleskop am La Silla Observatorium in Chile, seit 2002 zwei Instrumente am Very Large Telescope (VLT), ebenfalls in Chile. Dabei erreichten sie schließlich eine Winkelauflösung von 300 Mikrobogensekunden. Eine Ein-Euro-Münze ließe sich damit noch aus einer Entfernung von etwa 10 000 Kilometern erkennen. Im Vergleich zu früheren Studien konnte das Team die Positionen der Sterne nun sechsmal genauer bestimmen.

In der innersten Region um Sagittarius A* kreisen die Sterne demnach auf zufälligen Umlaufbahnen - ähnlich einem Bienenschwarm. Sechs weiter außen liegende Gestirne bewegen sich hingegen auf einer Scheibe um das Schwarze Loch. Dies war bereits in früheren Studien vermutet, aber nicht bewiesen worden. Der Stern S2 umkreist Sagittarius A* dabei derart schnell, dass er innerhalb der 16 Jahre einen kompletten Orbit schaffte.

S2 trug auch entscheidend zur hohen Genauigkeit der Ergebnisse bei. Den Wissenschaftlern gelang es, die Masse von Sagittarius A* mit bislang unerreichter Präzision zu bestimmen: Vier Millionen Sonnenmassen vereinigt die Schwerkraftfalle auf sich. Auch die Entfernung zur Erde konnten die Forscher genauer bestimmen: rund 27 000 Lichtjahre. Zudem stammen ihren Berechnungen zufolge mindestens 95 Prozent der Masse, welche die Sterne auf ihren Umlaufbahnen hält, aus dem Schwarzen Loch.

Rätselhaft bleibt jedoch, wie die beobachteten jungen Sterne in die Umlaufbahnen um Sagittarius A* gelangen. „Sie sind viel zu jung, um von weit her gekommen zu sein, aber es erscheint noch unwahrscheinlicher, dass sie in ihren jetzigen Bahnen entstanden, wo die Gezeitenkräfte des Schwarzen Loches wirken“, notierten die Wissenschaftler, die ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „The Astrophysical Journal“ veröffentlichen werden.

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