Astronomie
Ein galaktischer Serienkiller

60 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt treibt ein Killer sein Unwesen, dem Astronomen am La Silla-Observatorium der Europäischen Südsternwarte ESO jetzt auf die Spur gekommen sind.
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BerlinZwei ferne Galaxien haben Astronomen  mit dem 2,2-Meter-Teleskop am La Silla-Observatorium der Europäischen Südsternwarte ESO in Chile ins Visier genommen. Die beiden Sterneninseln sind – in kosmischen Maßstäben betrachtet – direkte Nachbarn, und doch könnten die Unterschiede zwischen ihnen kaum größer sein: Die kleine Spiralgalaxie NGC 1317, das verrät ihre gleichmäßige Gestalt, hat ein vergleichsweise ruhiges Leben hinter sich, während ihre deutlich größere Schwester NGC 1316 etliche Narben einer stürmischen Vergangenheit aufweist.

Tatsächlich dürfte sich die auch als Fornax A bekannten NGC 1316 als eine Art galaktischer Serienkiller betätigt haben. Andere Galaxien, die ihr zu nahe kamen, hat sie mit ihrer Schwerkraft eingefangen und zerstört. Darauf deuten die ungewöhnlichen Staubbänder entlang des galaktischen Zentrums. Sie entstanden, als sich Fornax A vor etwa drei Milliarden Jahren eine andere, sehr staubreiche Spiralgalaxie einverleibte.

Außerdem sind um die Galaxie sehr lichtschwache Gezeitenschweife erkennbar: lange Ausläufer in Streifenform oder kugelförmige Schalen aus Sternen, die aus ihrer ursprünglichen Umgebung herausgerissen und in den intergalaktischen Raum geschleudert wurden. Diese Merkmale entstehen durch komplexe Gravitationseffekte auf die Umlaufbahnen der Sterne, wenn eine andere Galaxie ihrer eigenen zu nahe kommt.

All diese Zeichen lassen auf eine gewalttätige Vergangenheit schließen. Und nicht deutet darauf hin, dass Fornax A in Zukunft von ihrem destruktiven Verhalten Abstand nehmen wird. Denn in ihrem Zentrum arbeitet ein Motor mit extremer Zerstörungskraft: ein supermassives Schwarzes Loch.

Dessen Wüten können Astronomen anhand von Radiostrahlung nachweisen. Die Strahlung entsteht, wenn Material im Schwarzen Loch verschwindet – Material, das unter anderem von den Opfern des galaktischen Serienkillers stammt. Welche Kräfte hier am Werk sind, wird an der Intensität der Strahlung deutlich: Die 60 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernte Galaxie ist die vierthellste Radioquelle am gesamten Himmel.

Thomas Trösch
Thomas Trösch
Handelsblatt / Redakteur Wissenschaft + Technik

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