Astronomie
Ein laufendes Huhn am Sternenhimmel

Der „Running Chicken Nebula“ stellt einige Anforderungen an die Phantasie des Betrachters. Doch auch abseits alle Hühner-Phantasien hat die ferne Sternenwiege Bemerkenswertes zu bieten.
  • 0

DüsseldorfEine Wolke aus glühendem Wasserstoffgas, gesprenkelt mit neugeborenen Sternen – so etwa würde eine nüchterne Beschreibung des Lambda-Centauri-Nebels im Sternbild Zentaur ausfallen. Phantasievollere Geister haben dem rund 6500 Lichtjahre entfernten Nebel den Spitznamen „Running Chicken Nebula“ gegeben – auch wenn die Frage, wo genau hier ein Huhn durchs Bild läuft, gar nicht so leicht zu beantworten ist.

Manche Beobachter glauben jedenfalls, im Zentrum des Sternentstehungsgebiets ein vogelähnliches Gebilde ausmachen zu können. Darüber, welche der Strukturen genau das Huhn darstellen sollen, herrscht unter den Beobachtern allerdings erhebliche Uneinigkeit. Professionelle Astronomen machen es sich da leichter: Für sie firmiert das Gebilde unter der nüchternen Katalognummer IC 2944.

Tatsächlich hat der Nebel auch abseits alle Hühner-Phantasien Bemerkenswertes zu bieten. Er enthält viele heiße, neu geborene Sterne, die helles Ultraviolettlicht aussenden. Diese intensive Strahlung regt die umliegenden Wasserstoffwolken zum Leuchten an, was dem Nebel seine charakteristische rötliche Farbe verleiht.

Sternenwiege aus Gas und Staub

Auch die undurchsichtigen schwarzen Klumpen, die sich in diesem Bild deutlich vom rötlichen Hintergrund abheben, sind ein Indiz für Sternentstehung. Diese sogenannten Bok-Globulen sind nichts anderes als Wolken aus Gas und Staub, in denen neue Sterne geboren werden. Undurchsichtig für optische Teleskope, lassen sie sich mit Infrarotobservatorien durchdringen und in ihrer Funktion als „Sternenwiege“ genauer untersuchen.

Die markantesten Bok-Globulen in diesem Bild sind die Thackeray-Globulen, benannt nach dem südafrikanischen Astronomen, der sie in den 1950er Jahren entdeckt hat. In diesem Bild, das Astronomen mit dem 2,2-Meter-Teleskop der Europäischen Südsternwarte ESO im chilenischen La Silla aufnahmen, sind sie als schwarze Flecken inmitten einer Gruppe heller Sterne im oberen rechten Teil des Bildes zu sehen.

Ältere Geschwister der Sterne, die in den Thackeray-Globulen verborgen sind, finden sich in dem Sternhaufen IC 2948, der ebenfalls im Nebel des laufenden Huhns eingebettet ist. Verglichen mit anderen Sternen sind sie mit ihren paar Millionen Jahren noch sehr jung. Die Ultraviolettstrahlung, die diese hellen Sterne aussenden, liefert einen Großteil der Energie, die das Gas des Nebels zum Leuchten anregt.

Für astronomische Verhältnisse sind solche leuchtenden Nebel recht kurzlebig: Bereits nach einigen Millionen Jahren erlischt ihr Leuchten. Auch dem Lambda-Centauri-Nebel steht dieses Schicksal bevor: Wenn sein Gas zerstreut ist und nicht mehr genügend Ultraviolettstrahlung zur Anregung zur Verfügung steht, wird niemand mehr dem laufenden Huhn nachspüren können.

Thomas Trösch
Thomas Trösch
Handelsblatt / Redakteur Wissenschaft + Technik

Kommentare zu " Astronomie: Ein laufendes Huhn am Sternenhimmel"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%