Astronomie
Ein Stern verschluckt sich

Das war dann doch ein bisschen viel: Astronomen haben einen fernen Stern beobachtet, der sich an einer riesigen Gaswolke verschluckt hat.
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DüsseldorfEinem seltenen kosmischen Spektakel sind Astronomen mit dem Weltraumteleskop XMM-Newton auf die Spur gekommen. Die Forscher beobachteten einen extremen Strahlungsausbruch im Doppelsternsystem IGR J18410-0535. Ursache des über Stunden andauernden Phänomens: Ein Stern, der sich an einer riesigen Gaswolke regelrecht verschluckt hat.

IGR J18410-0535 gehört zu einer besonderen Klasse von Sternsystemen, den Supergiant Fast X-ray Transients – starke, aber unregelmäßig leuchtende Quellen von Röntgenstrahlung. Das System besteht aus einem blauen Riesenstern und einem Supernova-Überrest von nur rund 10 Kilometern Durchmesser, einem sogenannten Neutronenstern. Solche exotischen Sternreste sind extrem dicht und erzeugen ein starkes Gravitationsfeld – was sich als besonderer Glücksfall für die Astronomen um Enrico Bozzo von der Universität Genf erweisen sollte.

Die Forscher hatten das Weltraumteleskop eigentlich nur für eine Routineuntersuchung auf IGR J18410-0535 gerichtet. Im Verlauf der zwölfstündigen Beobachtungen schleuderte der Riesenstern dann eine Gaswolke ins All, die mit rund 100 Milliarden Mond-Volumen wahrhaft gigantische Ausmaße hatte. „Es war ein riesiges Gasgeschoss, und es traf den Neutronenstern“, so Bozzo.

Mit seiner extremen Gravitation riss dieser riesige Gasmengen an sich, die sich dabei auf mehrere Millionen Grad erhitzten. Heiß genug, um Röntgenstrahlung freizusetzen, die den Neutronenstern für vier Stunden etwa 10.000 Mal heller aufleuchten ließ als normal. Und dies, obwohl der Stern nur einen winzigen Teil der riesigen Wolke überhaupt „schlucken“ konnte.

Den Forschern gewährte das Schauspiel neue Einblicke in die Struktur von Riesensternen. Alle Sonnen blasen stellares Material als Sternwinde ins All. Bei Riesensonnen wie in IGR J18410-0535 tritt neben diesen eher regelmäßigen Materiestrom nun offenbar ein weiterer Mechanismus, die Freisetzung riesiger Gasmengen in Form einzelner „Klumpen“.

Für die Beobachtung des seltenen Schauspiels mussten gleich zwei glückliche Zufälle zusammenkommen. Zum einen, dass das Teleskop genau zum richtigen Zeitpunkt auf das Sternsystem gerichtet war. Zum anderen, dass den Forscher genug von der weltweit heiß begehrten Beobachtungszeit zugebilligt worden war, um das Phänomen von Anfang bis Ende verfolgen zu können. „Ich weiß nicht, ob es eine Methode gibt, Glück zu messen“, so Bozzo. „Aber ganz sicher können wir sagen, dass wir sehr viel Glück gehabt haben.“

Thomas Trösch
Thomas Trösch
Handelsblatt / Redakteur Wissenschaft + Technik

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