Atombombentests in Russland
Als der Strahlentod nach Kasachstan kam

Vor 60 Jahren testete die Sowjetunion in Kasachstan ihre erste Atombombe - und verseuchte dabei eine ganze Region. Längst hat sich die Atommacht aus ihrem einstigen „Freilandlabor“ zurückgezogen, doch Menschen leiden noch immer unter der Radioaktivität, die die Nuklearforscher einst freisetzten.
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HAMBURG. Der Stolz der sowjetischen Kernphysiker ruht auf einem 30 Meter hohen Turm. Wenn die Nuklearexperten ihre Mission erfüllen, dann wird dort in wenigen Minuten nur noch ein Loch sein.

Die Wissenschaftler sind aufgeregt und genauso unruhig wie die 1 538 Tiere, die rund um das Experimentierfeld unter und über der Erde in ihren Käfigen sitzen. Um sie herum stehen Attrappen von Häusern, Panzern und Flugzeugen. Die Menschen ziehen sich in Schutzräume zurück, die Versuchstiere bleiben in der Gefahrenzone. Dann zündet das sowjetische Atomteam in Semipalatinsk-21 die Bombe.

Am 29. August 1949 explodiert auf dem Testgelände in der Steppe Kasachstans, fast 3000 Kilometer östlich von Moskau, die erste sowjetische Atombombe. Sie hinterlässt eine tellerförmige Mulde. Das Stahlgerüst verschwindet, ist ebenso wie die Attrappen pulverisiert, verdampft und mit der Explosionswolke verweht. Die Tiere in den Käfigen sind tot. Die Wissenschaftler haben ihren Auftrag erfüllt. Stalin ist begeistert. Der Diktator hat die Forschung an der neuen Waffe noch während des Zweiten Weltkrieges befohlen. Der sowjetische Geheimdienst hatte zuvor herausgefunden, dass Physiker in Nazideutschland und den USA um die Wette an der Strahlenwaffe forschten. Josef Stalin will nicht zurückstehen.

Schreckliche Machtdemonstrationen

Am 6. und am 9. August 1945 bewiesen die USA mit zwei schrecklichen Machtdemonstrationen, dass ihre Forscher erfolgreich gewesen waren. Amerikanische Flugzeuge warfen eine Uranbombe auf Hiroshima und eine Plutoniumbombe auf Nagasaki ab. Mehr als 210 000 Japaner starben sofort durch die Flammenwolken, Druckwellen oder die Strahlen. Hunderttausende weitere Menschen wurden schwer verstrahlt. Das Sicherheitsinteresse der Sowjetunion wird durch den amerikanischen Rüstungsvorsprung massiv bedroht.

Stalin will dieses Massentötungsinstrument ebenfalls unbedingt haben. Er befiehlt seinen Wissenschaftlern so schnell wie möglich zu liefern. Kernphysiker, Rüstungsexperten und Ingenieure werden in „geschlossene Städte“ gesperrt, dort arbeiten sie im Auftrag des „Ministeriums für mittleren Maschinenbau“ mit unbegrenzten Mitteln an der Plutoniumbombe. Das Ministerium dient als Tarnung für das sowjetische Atomprogramm und untersteht indirekt Stalins Geheimdienstchef Lawrentij Berija.

Er beauftragt den russischen Physiker Igor Kurtschatows mit dem Bau der Bombe. Abgeschottet von der Außenwelt arbeiten er und sein Team in Aramaz-16, Tscheljabinsk-70 und anderen geheimen Orten unter Hochdruck an der Atomwaffe. Sie kopieren die amerikanische A-Bombe Fat Man , deren Baupläne sowjetische Spione liefern.

1948 nehmen die Sowjets in Sibirien den ersten Uran-Graphit-Reaktor in einem Werk namens Majak, russisch für Leuchtturm, in Betrieb. In der Anlage gewinnen die Forscher waffenfähiges Plutonium für den Bombenbau. Strahlenschutz und Sicherheit spielen eine geringe Rolle, es geht um den Fortschritt. Die Strahlenbelastung der Mitarbeiter liegt 100-fach über der empfohlenen Dosis. „Wir arbeiteten bis zum Umfallen“, sagt einer der Wissenschaftler später. „Von der Strahlung wurde uns oft übel.“

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