Autismus
Das Mitleid der Teilnahmslosen

Autisten gelten als geistig behindert. Dennoch zeigen sie häufig erstaunliche Teilleistungen auf einzelnen Gebieten. Soziale Kompetenzen wie Mitgefühl oder Einfühlungsvermögen werden ihnen von vielen Psychologen aber grundsätzlich abgsprochen. Zu Unrecht, wie neue Forschungen zeigen.

BERLIN. Der Oscar ging an Dustin Hofman, doch der eigentliche Star in Barry Levinsons "Rain Man" war eine Krankheit: Autismus. Nach Schätzungen gibt es in Deutschland etwa 35 000 Betroffene. Wer den Film gesehen hat, kennt das augenfälligste Merkmal der neuropsychologischen Störung: Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen. Autisten und Menschen mit Asperger-Syndrom, der leichteren Form der Krankheit, kommunizieren kaum mit ihrer Umwelt und bauen - wenn überhaupt - nur schwer soziale Kontakte auf. "Rain Man" machte sie zu Sympathieträgern: verschroben und unzugänglich, aber dennoch liebenswert, jedenfalls harmlos. Das änderte sich in den letzten Jahren.

Psychologen schreiben vermehrt über Gemeinsamkeiten zwischen Autisten und Psychopathen, die sie angeblich gefunden haben. J. Arturo Silva konstatiert "eine Assoziation zwischen der Psychopathologie des autistischen Spektrums und dem Verhalten von Serienmördern". Pierre Flor-Henry schreibt: "Asperger-Syndrom und Psychopathie ? teilen sich einige Charakteristika, insbesondere die völlige Abwesenheit jeglicher menschlicher Empathie."

Empathie ist die Fähigkeit, Gedanken, Motive und Gefühle anderer Menschen zu erkennen und mit angemessenen Emotionen darauf zu reagieren. Also unser Einfühlungsvermögen. Eine für das Zusammenleben sehr wichtige Eigenschaft: Auf der Empathie basieren Anteilnahme und Hilfsbereitschaft. Wir helfen anderen in schwierigen Situationen, weil wir ihre Not und ihr Leid selbst spüren. Wer solches Mit-Leid nicht empfindet, ist tatsächlich - das belegen Untersuchungen - oft ein Psychopath. Auch Autisten wirken oft teilnahmslos, wenn sie andere in Not sehen. Mit dieser scheinbaren Parallele argumentieren einige Psychologen, um sie mit Gewalttätern und Mördern in eine Ecke zu stellen. Doch besitzen Autisten, nur weil sie nicht helfen, tatsächlich kein Mitgefühl?

Forscher von der New York University (NYU), zu denen auch die Autorin gehört, gingen der Frage auf den Grund. In den 1980ern teilte man Empathie noch in zwei Bereiche: kognitive Empathie, nämlich die Fähigkeit, mental in die Haut eines anderen zu schlüpfen, und affektive Empathie, nämlich die emotionale Reaktion auf einen beobachteten Gemütszustand. Letzteres entspricht dem, was man unter Mitgefühl versteht.

"Die empathischen Kapazitäten beim Asperger-Syndrom sind zwar zunehmend in den Fokus der Forschung gerückt, doch niemand hat bisher versucht, zwischen diesen Punkten zu unterscheiden", erklärt Kimberley Rogers. Die Untersuchungen konzentrierten sich fast ausschließlich auf den kognitiven Aspekt. Dabei gibt es seit über zwanzig Jahren ein Verfahren, das beide Komponenten mit 28 Fragen misst: den vom Sozialpsychologen Mark H. Davis entwickelten interpersonellen Reaktivitätsindex (IRI) .

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